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Der zuversichtliche Blick

In einer Zeit grosser Veränderungen ist es wichtiger denn je, den Blick nach vorne zu richten. Zuversicht ist ein Wort, das diese Ausrichtung begleitet, denn sie unterstützt nicht nur unseren Optimismus, sondern ist eine menschliche Kraft, die über die Hoffnung hinausgeht.

Jedes Wort ist eine Information und zugleich eine Emotion, verbunden mit einem Bild oder Klang. In meinen Workshops frage ich, wie ein Wort empfunden wird, was jemand sieht, hört oder fühlt. Besonders spannend ist diese Übung mit Begriffen, die nicht konkret sind, aber in der Tiefe wirken. 

Nehmen wir die beiden Wörter Hoffnung und Zuversicht. Die Hoffnung ist ein Wort, das viele mit einem Gefühl beschreiben. Hoffnung haben, ist etwas zu erwarten. In der Hoffnung klingt Appell: Ich möchte zu einem Ziel, hoffe, dieses zu erreichen. Hoffnung löst Dringlichkeit aus und Unruhe. Die Hoffnung ist eine Sehnsucht. 

Anders die Zuversicht. Sie öffnet einen Raum, verleiht mit («Sicht-»)Weite, den Blick Richtung Horizont. Viele Menschen sagen mir, wie ruhig die Zuversicht auf sie wirke. Zur Hoffnung gehört der Druck. Zur Zuversicht die Gelassenheit. 

Vertraute Hoffnung


Wörter kategorisiere ich nicht als gut oder schlecht: Sie sind immer verbunden mit einer Absicht. Wir wählen sie für eine bestimmte Information und als Ausdruck einer Emotion oder eines Bedürfnisses. Interessant ist, dass Hoffnung im Alltag vertrauter ist als die Zuversicht

Manchmal werde ich gefragt, warum die Hoffnung nicht zu meinen Wertekarten gehört. Für mich ist sie kein Wert mit innerem Puls. Die Zuversicht hingegen ist ein Wert in meinem Kartenset. Menschen sagen, dass sie zuversichtlicher sein möchten, mit mehr Vertrauen und Ruhe ihr Leben gestalten wollen. Die Zuversicht ist eine Ressource. Und Werte sind Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen. Mit der Zuversicht an unserer Seite werden die Dinge nicht unbedingt leichter, aber der innere Blick orientiert sich an einer Lösung.


Ein Beispiel

Jemand verliert seinen Job. Ohne Zuversicht sieht die Person einzig die Unsicherheit und versucht diese mit einer Hoffnung zu kompensieren. Mit Zuversicht erkennt die Person die Chance, etwas Neues zu beginnen, vielleicht sogar etwas, das besser passt.  


Zuversicht anstatt Hoffnung


Eine Workshop-Gruppe entwickelte mit dem Wert Zuversicht Ideen für E-Mails und andere Texte. Freies Formulieren aktiviert jeden Wert, verleiht ihm Farbe, Nuancen, Persönlichkeit. Die Gruppe wählte für die Übung das Thema «Zusammen­arbeit» und notierte diese Sätze: 

  • Ich blicke mit grosser Zuversicht auf die weitere Zusammenarbeit.
  • Mit neuer Zuversicht gehen wir in die nächste Projektphase.
  • Ich bin zuversichtlich, dass sich die Situation rasch klären wird.

Die Zuversicht als Wort und Wert mobilisiert Kräfte. Die Workshop-Gruppe tauchte mit den spontan entwickelten und ungewohnten Satzbeispielen in die Tiefe. Solche Tauchgänge machen auch Unangenehmes sichtbar. Wie denkt meine Kollegin über mich, wenn ich «hoffen» mit «zuversichtlich» ersetze? Darf man vertraute Modellsätze weglegen? Und was, wenn ich für eine Formulierung kritisiert werde? 

Diskussionen über Ungewohntes erlebe ich immer als hochproduktiv. Natürlich können wir KI für Lösungen fragen, allerdings empfehle ich erst die persönliche Begegnung mit einem Wort oder Wert, weil diese Begegnung all das anspricht, was uns Menschen ausmacht: Intuition, Erfahrung, intime Erlebnisse, Ressourcen.

Hilfreich an dieser Stelle ist das Bild mit dem Eisberg. Nur seine Spitze ist sichtbar, ragt aus dem Wasser, sie ist der kleinste Teil des Kolosses. Bewegt wird er von seiner tief im Wasser schwimmenden Masse, wo Strömungen gewaltige Kräfte mobilisieren.

Zuversicht aus der Chefetage


In der Auseinandersetzung mit diesen Fragen braucht es präsente Führungspersonen. Sie gehen voran, machen den Anfang und vertrauen darauf, dass der Weg ein guter sein wird. Vertrauen und Zuversicht passen gut zusammen. Eine Chefin, die ihrem Team oder einem Projekt zuversichtlich begegnet, hofft nicht auf Kompetenzen, sie vertraut ihnen. Dieses Signal ist positiv und zustimmend. Ein Chef, der Risiken zwar offen anspricht und zugleich gelassen agiert, blickt ruhig in die Zukunft.

Ist die Hoffnung endgültig verloren? Das wäre schrecklich. Aber wer eine Alternative zu «Ich hoffe, es geht dir gut» sucht, sollte sich die Absicht hinter dieser Wendung genauer anschauen. Vor allem, wenn der Satz mehr dumpfe E-Mail-Routine als vitales Interesse am Gegenüber darstellt. Eine Frage ist vitales Interesse. Wer fragt, will etwas wissen. In jeder Frage steckt Appell.

«Geht es dir gut?» Oder «Wie geht es dir?» ist konkret und wach. Die Frage lässt sich situativ ergänzen, um sie noch persönlicher zu machen. «Wie geht es dir nach dem Gespräch mit ...?» Oder: «Geht es dir gut mit der Idee, ...?».

Ein Abschluss ohne Hoffnung


Auch am Schluss einer Nachricht geht es ohne hoffen. Den klassischen Modellsatz kennen wir alle: «Ich hoffe, Ihnen hiermit gedient zu haben.» Dieses Beispiel verfügt über verschiedene Bedeutungen und Tiefen (Eisberg). Steht hoffen für den Wunsch, (endlich) etwas abschliessen zu können? Bedeutet hoffen eine Unsicherheit? Nebst der Zuversicht ist Offenheit ein wichtiger Wert, den Menschen schätzen. Seien Sie offen. Seien Sie aufrichtig. Seien Sie ehrlich. Diese Anliegen sind stark und enorm wichtig. 

Heute sprechen wir von Informationsflut, was nicht Qualität bedeutet. Unsere menschliche Aufmerksamkeit gestaltet unsere Texte und Gespräche. Würde ich hier sagen «Die Hoffnung stirbt zuletzt», hätte ich Zweifel verbunden mit einer Prise Hohn. Meine Zuversicht ermöglicht mir zu vertrauen, dass wir mehr sein wollen als Eisberge in einem Meer voller Strömungen. Was mich so sicher macht, sind die vielen persönlichen Begegnungen verbunden mit positiven Resultaten.  

Impulse für die Arbeit mit der Zuversicht

  1. Sprache und Gefühl sind ein starkes Paar. Schreiben Sie das Wort «Zuversicht» auf ein grosses Blatt. Legen Sie für sich oder für Ihr Team leere Blätter auf den Tisch. Nun notieren Sie weitere Begriffe, die Ihnen spontan zur Zuversicht einfallen. Das Gleiche geht in der Gruppe. Wichtig: Kein Wort wird gewertet. Es ist Botschafter eines Gefühls oder eines Erlebnisses.
     
  2. Verbinden Sie dieses Gefühl oder das Erlebnis mit der Zuversicht. Stellen Sie zirkuläre Fragen: Wie verändert sich mein Gefühl mit der Zuversicht? Wie hätte Zuversicht mein Erlebnis beeinflusst. War die Zuversicht anwesend bei meinem/unserem Erlebnis?
     
  3. Tragen Sie Alltagssituationen zusammen. Kommunizieren Sie oder Ihr Team oft mit Appellen, mit dem Wort «hoffen»? Wie verändern sich diese Aussagen mit der Zuversicht? Und wann möchten Sie bei «hoffen» bleiben?
     
  4. Versuchen Sie stärkend in die Zukunft zu blicken. «Ich bin zuversichtlich» als grundsätzliche Haltung. «Wir vertrauen darauf, dass wir ... gemeinsam schaffen» als wertschätzende Verbindung.
     
  5. Werte sind immer an Ihrer Seite und arbeiten gerne für Sie. Fragen Sie die Zuversicht in unzuversichtlichen Momenten, was sie für Sie tun kann. So bleiben Sie verbunden und im Austausch mit Werten.
     
  6. Sprache und Gefühl sind ein starkes Paar. Aber nur, wenn dieses Paar auch spielen darf. Vermeiden Sie einen zu strengen Umgang mit Wörtern und Formulierungen. Bleiben Sie beweglich und hinterfragen Sie Gewohnheiten sowie eingeschliffene Routinen. Und entscheiden Sie herzhaft und selbstbewusst, was Sie schreiben oder aussprechen.
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Angelika Ramer trainiert seit über 30 Jahren Unternehmen in schriftlicher Kommunikation und verfasste zu diesem Thema fünf Sachbücher. Die Kommunikationsberaterin und frühere Journalistin ist Inhaberin der «Identität ist Sprache – Ramer & Partner AG».

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