Nachwuchsförderung

Wie Unternehmen junge Talente begleiten können

Der Übergang vom Studium ins Berufsleben prägt die Karriere vieler junger Erwachsener. Unternehmen, die diesen Umbruch aktiv begleiten, investieren in die Zukunft ihrer Talente.

Der Wechsel vom Studium in die Arbeitswelt ist ein komplexer Entwicklungsprozess, denn der Übergang ist mit vielen Herausforderungen verbunden. Junge Erwachsene müssen sich in neuen Rollen zurechtfinden, ihre Berufsidentität formen und mit Unsicherheiten umgehen. Zusätzlich steht dieser Übergang meist auch für Veränderungen von Beziehungen, der Wohnsituation und dem Selbstbild. Die jungen Menschen verlassen die vertraute Welt der Lehranstalten und wechseln in die Praxis des Berufsalltags.  

Veränderungen sind immer mit Unsicherheiten verbunden und können zu einem Belastungstest führen. Besonders anspruchsvoll ist der sogenannte «Praxis- oder Transferschock», wenn die im Studium erworbenen theoretischen Kenntnisse nicht mit den praktischen Anforderungen im Beruf übereinstimmen. Wenn die jungen Mitarbeitenden das Gefühl haben, ihre Kompetenzen seien nicht gefragt oder ihre Erwartungen würden enttäuscht, kann das zu Frustration und psychischer Belastung führen.  

Kernergebnisse der Studie zur psychischen Gesundheit 


Damit relevante Faktoren zum gelingenden Einstieg von jungen Talenten erkannt werden können hat ein Forschungsteam der ZHAW und der Hanze University of Applied Sciences Groningen, wissenschaftliche Studien zur psychischen Gesundheit im Übergang vom Studium in das Berufsleben in Form eines Scoping Reviews analysiert. Es sollten Hebel gefunden werden, mit denen aktiv auf eine langfristige positive Entwicklung hingearbeitet werden kann. 

Die psychische Gesundheit wurde in vier zentrale Bereiche unterteilt: Wohlbefinden, psychische Belastung, depressive Symptome und Burnout. 

  • Wohlbefinden steigt zunächst, sinkt aber später wieder: Im ersten Jahr nach dem Abschluss steigt bei vielen Berufseinsteigenden das subjektive Wohlbefinden (persönliches Zufriedenheit und Lebensqualität), vor allem bei guten Jobchancen und klaren beruflichen Zielen. Danach nimmt es jedoch wieder ab und erreicht das Niveau vor dem Abschluss. Dieses Phänomen ist aus Studien beim Jobwechsel bekannt und wird auch als «Honeymoon-Hangover-Effekt» bezeichnet. Dieser beschreibt die Phase der Euphorie nach dem Berufseinstieg, die mit Hoffnungen und Erwartungen alte Belastungen überdecken kann und zu steigender Arbeitszufriedenheit führt. In der anschliessenden «Ernüchterungsphase» fällt das Wohlbefinden deutlich ab. Der Einzug des Alltags mit Routinen, ersten Konflikten, Leistungsdruck oder enttäuschten Erwartungen vermindert das Wohlbefinden.
  • Psychische Belastung nimmt je nach Berufsfeld ab oder bleibt stabil: Pflegekräfte und Sozialarbeitende zeigten drei Jahre nach dem Abschluss weniger psychische Belastungen als zum Studienende. Bei anderen Berufen blieb das Belastungsniveau konstant. Diese Inkonsistenz verweist auf den starken Einfluss des Arbeitsumfelds. So wurde die Stressreduktion bei Pflegenden auf die erlebte soziale Unterstützung im Berufsalltag und die Supervision zurückgeführt.
  • Depressive Symptome sind teils stabil, teils steigend: Rund ein Drittel der Befragten zeigte im ersten Jahr nach dem Abschluss zunehmende depressive Symptome. Persönliche Stärken wie Optimismus, Selbstwirksamkeit und emotionale Stabilität wirkten schützend.  
  • Burnout kann sich zwar verringern, aber nicht bei allen: In einigen Studien sank das Burnout-Niveau nach dem Berufseinstieg, in anderen stieg es leicht an. Frühere Belastungen im Studium beeinflussten das Risiko für späteres Burnout. Als Schutzfaktoren wirkten die internalisierte Berufsidentität und die Möglichkeit von Teamarbeit.

Was Firmen tun können: Fünf praxisnahe Massnahmen 


Unternehmen können den Übergang vom Studium ins Berufsleben aktiv und gesund gestalten. Nachstehend fünf konkrete Ansätze, die aus den Ergebnissen abgeleitet werden konnten: 

  1. Realistische Erwartungen fördern: Bereits im Recruiting und Onboarding sollten Unternehmen transparent kommunizieren, was junge Studienabgängerinnen und -abgänger erwartet. Unrealistische Vorstellungen vom «Traumjob» führen oft zu Enttäuschung. Ein ehrlicher Einblick in Aufgaben, Entwicklungsmöglichkeiten und Herausforderungen hilft, Erwartungen zu justieren. Während des Einstellungsgesprächs sollten die Erwartungshaltungen aufeinander abgestimmt werden. Gespräche mit zukünftigen Kolleginnen und Kollegen, die ihren Arbeitsalltag schildern, können zusätzlich helfen.  
  2. Mentoring und Peer-Support etablieren: Erfahrene Mentorinnen und Mentoren oder eine Peer-Gruppe können jungen Mitarbeitenden Halt geben. Regelmässige Gespräche, Feedback und informelle Treffen mit Peers schaffen Vertrauen und reduzieren das Gefühl, allein zu sein. Besonders hilfreich sind Tandem-Modelle mit Kolleginnen und Kollegen aus ähnlichen Studiengängen. 
  3. Psychische Gesundheit enttabuisieren: Eine offene Kommunikation über mentale Gesundheit, klare Ansprechpersonen und niederschwellige Mental-Health-Angebote oder digitale Tools fördern eine gesunde Firmenkultur. Führungskräfte sollten darin sensibilisiert und geschult werden, Warnsignale zu erkennen und offen anzusprechen. 
  4. Entwicklungsperspektiven aufzeigen: Gerade in der Phase der beruflichen Orientierung ist es wichtig, Perspektiven zu bieten. Klare Entwicklungspfade, Weiterbildungsmöglichkeiten und regelmässige Entwicklungsgespräche, die auch die Ideen und Erfahrungen der jungen Mitarbeitenden einbeziehen, stärken das Gefühl von Sinn und Zugehörigkeit. 
  5. HR-Abteilung als Unterstützung: Die HR-Abteilung kann unterstützen, indem sie praktische Werkzeuge für Feedback und Entwicklung bereitstellt sowie zielgruppenorientierte Onboarding-Programme und Coaching-Konzepte entwickelt. 

Fazit: Übergänge gestalten statt verwalten 

Der Übergang von der Hochschule ins Berufsleben ist eine sensible Phase, die Unternehmen aktiv begleiten sollten. Wer junge Talente nicht nur fachlich, sondern auch psychisch stärkt, legt den Grundstein für langfristige Bindung, Produktivität und Gesundheit. Gemeinsam mit jungen Menschen neue Wege zu erkunden, bietet Unternehmen die Chance, selbst neue Pfade einzuschlagen und von der Perspektive der jungen Erwachsenen zu lernen.

 

Dieser Beitrag erschien in unserem Schwestermagazin HR Today.

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Brigitte Eich-Stierli ist Dozentin am Departement Angewandte Psychologie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW. Ihr Themenschwerpunkt liegt im Bereich Gesundheitsförderung und Gesundheitspsychologie.

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Mareikje Pfenning arbeitet als Dozentin  und Forscherin im  Studiengang Human Resource Management sowie am Lehrstuhl 
für Führung und nachhaltiges Arbeiten an der Hanze University of Applied Sciences Groningen. Ihr Schwerpunkt liegt im Themenbereich «Sustainable Careerbuilding» und «School-to-work transition».

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