Die Kunst der Balance
Die Gratwanderung zwischen zu ehrgeizig und zu zurückhaltend gehört oft zur Karriereentwicklung einer Frau dazu. Gastautorin Stephanie Robben-Beyer geht dieser auf den Grund und gibt Tipps, wie Sie die störenden Meinungen von aussen ausblenden können.

Foto: Thought Catalog / Unsplash
Es ist ja nichts Neues, dass Frauen vor zahlreichen Herausforderungen in Bezug auf Karriere und Beruf stehen: Dieses Thema ist generell stark geprägt durch Rollenbilder und Klischees. Eine Ambivalenz, die mir in meiner 30-jährigen Laufbahn immer wieder begegnet ist, ist die des doppelten Standards: Frauen sind – nach der Meinung anderer – irgendwie immer zu laut, zu leise, zu stark, zu schwach oder Ähnliches.
Doppelte Standards sind beispielsweise:
- Eine CEO mit kräftiger Stimme: Gilt als laut.
Ein CEO mit kräftiger Stimme: Gilt als führungsstark. - Eine Teamleiterin mit leiser Stimme: Gilt als unsicher, nicht ambitioniert.
Ein Teamleiter mit leiser Stimme: Gilt als guter Zuhörer, emotional kompetent. - Eine Assistentin, die sehr emotional ist: Gilt als schwach.
Ein Assistent, der sehr emotional ist: Gilt als einfühlsam.
Und diesen doppelten Standard bei Frauen gibt es tatsächlich auch im Hinblick auf ihr Alter: Für bestimmte Themen oder Aufgaben sind sie zu jung (= zu unerfahren), für andere wiederum zu alt (= zu unflexibel).
Wenn auch etwas provokant formuliert, ist doch unumstritten, dass Frauen unabhängig von ihrem wahrhaftigen Verhalten oder ihrer Persönlichkeit vermehrt unfair bewertet werden. Rollenklischees, gesellschaftliche Vorurteile und Stereotypen bestimmen das Meinungsbild.
Es ist an der Zeit, diese Stereotype zu hinterfragen und die Vielfalt und Fähigkeiten von uns Frauen in der Karrierewelt richtig einzuschätzen und damit wertzuschätzen.
Du bist okay – Ich bin okay
Frauen sind nicht «zu laut» oder «zu schwach». Frauen sind – jede für sich – genau richtig, wie sie sind. Manchmal fehlt jedoch das Selbstbewusstsein, das aktiv zu erkennen, zu kommunizieren und darzustellen. Teils liegen die Gründe dafür in den beiden nachfolgend aufgeführten Phänomenen.
Ein Syndrom, das viele Frauen kennzeichnet, ist das Impostor-Syndrom. Der Begriff geht zurück auf einen Artikel aus dem Jahr 1978 von Pauline R. Clance und Suzanne A. Imes. Sie hatten beobachtet, dass viele sehr erfolgreiche Frauen glaubten, dass sie nicht besonders intelligent seien und ihre Leistungen von anderen überschätzt würden. Will sagen: Frauen neigen scheinbar mehr als Männer dazu, sich in ihrem Selbstbewusstsein ins Wanken bringen zu lassen und ihre Kompetenzen und Ressourcen, ja gar ihre Persönlichkeit, in Frage zu stellen – vor allem im beruflichen Umfeld. Zu schnell beschleicht viele das Gefühl, dass sie ihren hart erarbeiteten Erfolg nicht wirklich verdient haben – und dass, obwohl objektive Fakten und Anerkennung das Gegenteil beweisen.
Der eigene innere Kritiker stimmt dann fatalerweise mit der unreflektierten Meinung von aussen überein. Das wirklich Schlimme an diesem Zusammenspiel aber ist: Frauen lassen sich dadurch daran hindern, ihre (Karriere-)Ziele zu erreichen. Sie nehmen neue Herausforderungen nicht an und bewerben sich nicht auf höhere Positionen – obwohl sie objektiv allemal dafür qualifiziert wären. Selbst wenn sie bereits beeindruckende Erfolge erzielt haben, fühlen sie sich häufig unsicher und unterschätzen den eigenen Wert.
Und dann gibt es ja noch Dunning-Kruger. Dieser Begriff geht auf eine Publikation von David Dunning und Justin Kruger aus dem Jahr 1999 zurück. Viele kennen das Phänomen: Jemand tritt mit grossem Selbstbewusstsein auf und präsentiert sich als Experte – beispielsweise im Bereich Wirtschaft oder Finanzen. Dabei überschätzt er sein eigenes Wissen und vermittelt anderen das Gefühl, weniger kompetent zu sein. Wenn eine solche Situation auf einen bereits angeschlagenen inneren Kritiker trifft, lassen Selbstunterschätzung, bewusste mangelnde Sichtbarkeit und Furcht vor etwaigen Risiken grüssen.
Frauen dürfen sich vor Augen führen, was sie bereits alles geleistet haben und damit Strategien zur bewussten Überwindung dieser doppelten Standards, des Impostor-Syndroms und des Dunning-Kruger-Effekts zurechtlegen. Zudem dürfen klar sein, dass man es nicht immer allen Menschen Recht machen kann.
Zurück zu den eigenen Stärken
Frauen dürfen sich vor Augen führen, was sie bereits alles geleistet haben und damit Strategien zur bewussten Überwindung dieser doppelten Standards, des Impostor-Syndroms und des Dunning-Kruger-Effekts zurechtlegen. Zudem dürfen klar sein, dass man es nicht immer allen Menschen Recht machen kann.
Das Entscheidende dabei ist das persönliche Mindset: Alles beginnt mit den eigenen Gedanken. Frauen dürfen und müssen an die eigenen Kompetenzen glauben und sich aktiv von Rollenklischees, gesellschaftlichen Denkmustern und Erwartungen abgrenzen und das Vergleichen mit anderen Frauen unterlassen. Allerdings darf man sich gegenseitig ermutigen und unterstützen.
Mögliche weitere Strategien sind:
- Mentoring-Programme und Netzwerke stärken das Selbstbewusstsein durch den aktiven Austausch mit anderen.
- Regelmässiges Feedback durch das Kollegium und Vorgesetzte spiegelt die wahrhaftige Kompetenz.
- Führungskräfte, die das Potential objektiv einschätzen, ermöglichen das Heben unserer Talente.
- Weibliche Vorbilder zeigen, dass Frauen in allen Bereichen, Branchen und Ebenen erfolgreich sein können – wenn das Umfeld passt. Literatur und Medien können dies unterstützen, so dass Frauen in der Lage sind, ihren individuellen Weg zu gehen.
10 Tipps für den Alltag
- Achten Sie auf Ihre Gedanken. Denken Sie konstruktiv und positiv.
- Sprechen Sie mit sich, als wären Sie Ihre beste Freundin oder Ihr bester Freund. Vermeiden Sie negative Selbstgespräche.
- Reflektieren Sie Ihre Stärken. Erstellen Sie eine Liste und rufen Sie sich diese immer wieder ins Gedächtnis.
- Achten Sie auf eine aufrechte Körperhaltung. Eine selbstbewusste Haltung signalisiert Ihrem Gehirn, dass Sie sich gut fühlen und es Ihnen gut geht.
- Betreiben Sie Selbstfürsorge. Kümmern Sie sich sowohl um Ihren Körper als auch um Ihren Geist.
- Nehmen Sie Kritik nicht persönlich. Kritik bezieht sich immer auf einen Aspekt Ihres Verhaltens, nicht auf Sie als Person.
- Nutzen Sie positive Visualisierung. Stellen Sie sich vor, dass Sie erfolgreich sind – Erfolge entstehen zuerst im Kopf!
- Akzeptieren Sie Ihre Fehler, Schwächen und kleinen Macken. Sie gehören zu Ihnen und machen Sie einzigartig. Perfektion wirkt oft unsympathisch.
- Setzen Sie sich realistische Ziele und beginnen Sie in kleinen Schritten. Gehen Sie in kleinen Etappen voran und feiern Sie Ihre Zwischenerfolge.
- Seien Sie Sie selbst! Alle anderen gibt es bereits.
Buchtipp: «Working Woman – Was ich zu Beginn meiner Karriere gerne über das Leben gewusst hätte»
Alles hat seine Zeit – aber wann? Das Leben besteht aus Höhen und Tiefen. Viele Herausforderungen sind dabei gar nicht so neu oder einzigartig – zahlreiche Frauen vor Ihnen haben sie bereits gemeistert. Wie wäre es, wenn Sie jemanden an Ihrer Seite hätten, die Ihnen beschreibt, wie sie solche Situationen gemeistert hat und wertvolles Feedback gibt?
Dr. Stephanie Robben-Beyer berichtet authentisch und teils autobiografisch von ihren Erfahrungen als Lehrerin, Model, Moderatorin, Executive Coach, Mensch, Mutter und Lebenspartnerin – und von den immer wiederkehrenden Mustern, die es zu erkennen gilt.
Working Woman
Stephanie Robben-Beyer
BusinessVillage,
2025, 210 Seiten