Indiskretion am Arbeitsplatz

«Man redet immer zuerst mit den Leuten und nicht über die Leute»

Indiskretionen am Arbeitsplatz hat wohl jeder schon einmal erlebt. Doch wie geht man am besten damit um? Und wie verhält sich die Assistenz, wenn sie andere über den eigenen Chef reden hört? Image Consultant Leonore Rossel gibt Antworten auf diese und andere Fragen. 

Warum sind Menschen überhaupt indiskret?

Das hat unterschiedliche Gründe. Zum einen kann es eine Strategie sein, etwas in Erfahrung zu bringen. Andererseits setzen Menschen Indiskretion auch ein, um sich selbst zu positionieren. Und natürlich handeln Menschen manchmal unüberlegt und sind sich dabei der Konsequenzen ihrer Indiskretion nicht bewusst. 

Was sind denn die Konsequenzen? 

Nehmen wir das Beispiel Lohn: Wenn ich sage ‹Mein Partner verdient 10000 Franken. Wie viel verdienst du?›, ohne mit ihm abzusprechen, dass ich seine Lohnverhältnisse nach aussen trage, verletze ich einerseits das Vertrauen meines Partners und überschreite andererseits mit meiner Gegenfrage, die Grenzen der anderen Person.

Ist es sinnvoll die Person darauf aufmerksam machen, dass das nicht okay ist? 

Ich würde auf jeden Fall darauf aufmerksam machen und an das Taktgefühl meines Gegenübers appellieren. Aber bitte nicht in einem beschuldigenden Ton. In solchen Situationen ist es ratsam, zu beschreiben, wie es auf einen selbst gewirkt hat und wie es auf andere wirken könnte. Hier sollten Ich-Botschaften zum Einsatz kommen. 

Als Assistentin schnappt man hier und dort auch Informationen auf, die für den Vorgesetzten relevant sind. Wie geht man damit um? Dem Chef die Info weitergeben? 

Dies ist jeweils unterschiedlich zu handhaben. Hat mir jemand etwas anvertraut und ich habe versprochen, es für mich zu behalten, dann sollte ich definitiv das Vertrauen der Person wahren. Ich würde sie aber ermutigen, sich selbst an den Chef zu wenden und erklären, warum das Sinn macht; zum Beispiel um dem Chef eine andere Sichtweise zu vermitteln. 

Und wann würden Sie es gerechtfertigt finden, sich an den Chef zu wenden?  

Wenn es dem Unternehmen etwas bringt. Bekommt zum Beispiel die Assistentin mit, dass beim Mittagstisch darüber geredet wird, dass der Chef nur noch im Home Office ist und sich nicht mehr blicken lässt, ist das für den Chef relevant. Dann kann man ihm sagen, dass seine Präsenz im Unternehmen vermisst wird und er kann sein Verhalten anpassen. Wird hingegen über die Farbe seines Hemdes getratscht, ist das keine Information, die der Chef zu wissen braucht, denn sie ist völlig oberflächlich und dient dem Unternehmen in keiner Weise. 
Ein anderer Weg ist es auch, direkt auf die Person, die dauerhaft am Schimpfen ist, zuzugehen und ihr zu vermitteln, dass sich ihr Verhalten schlecht auf die Stimmung im Unternehmen und im Team auswirkt. Erst wenn man direkt mit ihr gesprochen hat und es nicht besser wird, kann man ankündigen, dass man den Chef informiert. Man redet immer zuerst mit den Leuten und nicht über die Leute. 

Wie geht man damit um, wenn einem selbst etwas rausgerutscht ist? Gerade für die Assistenz ist Diskretion ja oberstes Gebot… 

Das hängt stark mit dem Gesagten zusammen und beeinflusst das eigene weitere Vorgehen – je nach dem was gesagt wurde. Zuerst würde ich aber die Person, der ich es gesagt habe, signalisieren, dass das nicht hätte sein dürfen und sie darum bitten, die Information für sich zu behalten. Wenn es sich um etwas Wichtiges handelt, das obendrein geheim ist, zum Beispiel einen Beschluss aus einer GL-Sitzung, würde ich es dem Chef gestehen, mich entschuldigen und nachfragen, ob und wie ich es wieder in Ordnung bringen kann. 

Kann man verletztes Vertrauen wiederherstellen?

Ja es ist möglich, aber dafür braucht es Zeit und den Willen vergeben zu wollen. Man muss das Vertrauen des Gegenübers zurückgewinnen und neu aufbauen. Vertrauen ist das Ergebnis von Mut und benötigt eine beidseitige Transparenz

Gibt es unverzeihliche Indiskretionen?

Ja. Stellen Sie sich vor, jemand war in seiner Vergangenheit drogensüchtig und sass vielleicht sogar im Gefängnis. Wer sich in einer solchen Situation wieder eingliedern und seine Vergangenheit nicht mit anderen teilen möchte, sollte sich darauf verlassen können, dass zum Beispiel der neue Arbeitgeber diskret mit dieser Information umgeht. Kommt so etwas ungewollt heraus, greift es massiv in die Privatsphäre der Person ein und sie wird trotz aller Bemühungen wieder abgestempelt.

Zur Person

Leonore Rossel ist Image Consultant und unterstützt seit 30 Jahren Menschen dabei, sich weiter zu entfalten, in unterschiedlichen Situationen souverän aufzutreten und mit ihrem individuellen Wesen, ihrer persönlichen Ausstrahlung und Authentizität wahrgenommen zu werden. professionalimage.ch

Kommentieren0 Kommentare

Stefanie Zeng ist Online Redaktorin bei Miss Moneypenny. 

Weitere Artikel von Stefanie Zeng
Log in to post a comment.

Das könnte Sie auch interessieren