Longevity

Keine Frage der Morgenroutine, sondern der Selbstführung

Sie organisieren alles, aber nicht Ihre eigene Energie. Wer lange gesund und leistungsfähig bleiben will, sollte genau dort ansetzen: beim eigenen Arbeitsalltag. Noch vor optimierter Ernährung und Fitnessprogrammen ist Selbstführung entscheidend, besonders für Frauen, die täglich Abläufe sicherstellen, Führungskräfte entlasten oder selbst ein Team koordinieren.

Longevity, also das Streben nach einem langen, gesunden und wirksamen Leben, ist gerade überall. Kaum ein Thema dominiert Social Media, Podcasts und Bücher so sehr wie dieses. Die Versprechen klingen dabei verlockend: Mit der richtigen Morgenroutine, Supplements und Health-Gadgets lässt sich das Altern verlangsamen oder sogar umkehren. Der Fokus liegt dabei fast immer auf dem Körper und auf Optimierung. Und meist darauf, was wir abseits der Arbeit, also in den Stunden davor und danach, alles tun sollten.

Aber was passiert in den acht, neun, zehn Stunden des Arbeitsalltags, in denen wir den Fokus meist auf andere legen?

Genau hier liegt ein blinder Fleck. Denn Longevity entscheidet sich nicht nur auf der Yogamatte: Sie entscheidet sich auch am Schreibtisch. In der Art, wie wir mit Druck umgehen, wie wir Grenzen setzen und wie wir unsere Energie über den Tag, die Woche und das Jahr verteilen.

Die unsichtbare Führungsarbeit


Assistenzen halten Tagesabläufe am Laufen, entlasten Führungskräfte, denken voraus und fangen auf. Sie treffen täglich Dutzende kleiner Entscheidungen, oft unter Zeitdruck und oft für andere. Das ist kognitiv, emotional und organisatorisch eine anspruchsvolle Arbeit. 

Aber diese Arbeit wird selten als das benannt, was sie ist: Führungsarbeit. Wer Abläufe steuert, Prioritäten setzt und dafür sorgt, dass andere wirksam arbeiten können, führt. Das Problem: Wer ständig für andere denkt und plant, vergisst leicht, auch für sich selbst zu planen. Oft erscheinen die Bedürfnisse anderer dringender als die eigenen und «Funktionieren» wird zur Gewohnheit.

Kurzfristig geht das gut. Langfristig kostet es jedoch Energie, Gesundheit und Freude an der Arbeit. 

Sich selbst so führen wie die Chefin


Hier kommt ein Gedanke ins Spiel, der Longevity aus einer anderen Richtung betrachtet: Wie führe ich mich selbst so, dass ich nicht nur heute funktioniere, sondern auch in zehn oder zwanzig Jahren noch gesund und wirksam bin?

Selbstführung klingt vielleicht abstrakt, gemeint ist etwas sehr Konkretes: die eigene Energie bewusst wahrnehmen und gezielt einsetzen. Erkennen, wann Erholung nötig ist, bevor der Körper es erzwingt. Entscheidungen treffen, die nicht nur den nächsten Termin betreffen, sondern die eigene Gesundheit über Jahre hinweg schützen.

Selbstführung heisst, sich selbst gegenüber die gleiche Rolle einzunehmen, die man im Job für andere ausfüllt: Prioritäten setzen, Ressourcen im Blick behalten und rechtzeitig gegensteuern. Nur dass es diesmal nicht um den Kalender der Chefin oder des Chefs geht, sondern um den eigenen Schlaf, die eigene Belastungsgrenze, die eigene Gesundheit. Wer das kann, trifft bessere Entscheidungen, und zwar nicht nur heute, sondern über Jahre.

Drei Dinge, die Sie sofort tun können


Selbstführung braucht keine Morgenroutine um fünf Uhr und kein Wochenend-Retreat. Sie beginnt mit kleinen, bewussten Entscheidungen im Arbeitsalltag.

Energiemuster erkennen

Jeder Tag hat Phasen mit hoher und niedriger Energie. Wer diese Muster kennt, plant anspruchsvolle Aufgaben gezielt in Hochphasen und schützt die Tiefphasen vor Überfrachtung. Ein einfacher Einstieg kann so aussehen: eine Woche lang dreimal täglich (morgens, mittags, nachmittags) die eigene Energie auf einer Skala von 1 bis 10 notieren. Schon nach wenigen Tagen zeigen sich Muster, die man für die Tagesplanung nutzen kann.

Mikropausen ernst nehmen

Zwischen zwei Meetings kurz aufstehen, ein Glas Wasser trinken und drei bewusste Atemzüge nehmen. Es klingt banal, wirkt aber messbar. Der Körper braucht diese kurzen Unterbrechungen, um die kognitive Leistung über den Tag zu halten. Gerade in Rollen, in denen man kaum eine Stunde am Stück plant, ohne unterbrochen zu werden, sind Mikropausen keine Schwäche, sondern eine Investition in die eigene Wirksamkeit.

Die eigene Grenze als Information nutzen

Erschöpfung, Gereiztheit und das Gefühl, nur noch zu reagieren, sind wertvolle Signale. Selbstführung bedeutet, diese Signale wahrzunehmen und ernst zu nehmen, statt sie zu übergehen. Nicht jedes Signal verlangt eine grosse Veränderung. Manchmal reicht es, eine Aufgabe abzugeben oder mit der Führungskraft oder der Kollegin über Prioritäten zu sprechen.

Eine Investition, die ein Leben lang wirkt


Longevity ist für Frauen auch eine ökonomische Frage: Wer über Jahrzehnte gesund und arbeitsfähig bleibt, verdient länger und geht mit grösserer finanzieller Sicherheit ins Alter. 

Diese Sicherheit wirkt zurück auf die Gesundheit, denn Altersarmut ist einer der stärksten Risikofaktoren für gesundheitliche Probleme im späteren Leben. In der Schweiz bedeutet das konkret: Wer langfristig gesund und arbeitsfähig bleibt, zahlt mehr in die Pensionskasse ein und sichert sich damit eine bessere Grundlage für das Alter. Gerade für Frauen, die häufig Teilzeit arbeiten, macht das einen grossen Unterschied.

Die Gesundheit und Arbeitsfähigkeit zu schützen ist deshalb eine Investition, die sich über ein ganzes Berufsleben auszahlt. Und sie beginnt mit einer einfachen Frage: Was brauche ich heute, um auch morgen noch wirksam zu sein? 
 

Women's Wellbeing at Work Summit 2026


Wer Selbstführung und Gesundheit im Arbeitsalltag nicht dem Zufall überlassen will, findet am Women's Wellbeing at Work Summit 2026 fundierte Impulse aus Forschung und Praxis. Der Summit richtet sich an alle, die gesunde Arbeit in ihrem Umfeld aktiv mitgestalten möchten. 

Datum: 20. November 2026 
Ort: HWZ Zürich.

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Katharina Eggert ist Gesundheitsökonomin und Co-Gründerin des Institute for Women’s Wellbeing at Work. Sie verbindet wissenschaftliche Evidenz mit alltagsnaher Praxis und begleitet Organisationen und Führungspersonen auf dem Weg zu einer gesünderen Arbeitskultur.
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