Interview

Im Zweifel positiv

Schwarze Schafe gibt es überall. Doch ihre Zahl werde massiv überschätzt, meint Unternehmensberater Stefan Kaduk. Unternehmen, die durch viele Strukturen und Kontrollen jedes Fehlverhalten verhindern wollen, befördern dieses ungewollt sogar noch. Für Kaduk hilft darum nur eins: Vorbehaltloses Vertrauen.

Herr Kaduk, folgendes Zitat von Ihnen hat uns neugierig gemacht: «Es gibt sie zweifellos: Trickser, Ignorantinnen, Durchmogler. Trotzdem ist jede andere Default-Einstellung als ein vorbehaltlos positives Menschenbild keine Option.» Warum?

Ich glaube die Zahl derer, die als Trickser oder Mogler gelten, wird massiv überschätzt. Der Vorstandsvorsitzende der Cocomin AG, Andreas Glemser, hat einmal gesagt: «Ich weiss, dass mich zehn Prozent aller Menschen bescheissen, ich weiss nur nicht welche. Und darum richte ich meine Organisation nicht nach den Worst Cases aus, sondern lasse es darauf ankommen. Andernfalls würde ich den Spass an der Arbeit verlieren.» Und das macht Sinn: Wer sollte denn auch entscheiden, wer vertrauenswürdig ist und wer nicht? Dieser Versuch würde schnell zu ethischen Schwierigkeiten führen. 

Was passiert, wenn wir Menschen für schlecht halten? Mit uns und mit dem anderen?

Ein Stück weit greift dann sicher selbsterfüllende Prophezeiung. Je mehr Regularien ein Unternehmen erlässt, desto mehr suchen sich Menschen Autonomie, um zu zeigen: «Ich lass mich nicht gängeln.»

Dennoch versuchen Unternehmen nach wie vor mit Regeln und Kontrollen dafür zu sorgen, dass alle mitspielen…

Jein. Die Zeit des massiven Kontrollwahns ist meiner Meinung nach vorbei. Aber natürlich gibt es auch im New-Work-Kontext nach wie vor Bestrebungen, an Hierarchien und Kontrollmechanismen festzuhalten. Auch wenn sich alle duzen, der Umgang lockerer geworden ist und sich viele das Thema Vertrauen auf die Fahne schreiben, tun wir uns von unserer Prägung her schwer, das auch zu leben. Denn wir sind nun einmal mit gewissen Mustern aufgewachsen: Die Bewertungslogik in Schule, Studium und Beruf hat sich in den letzten 100 Jahren nicht wahnsinnig stark verändert. 

Gewichten wir negatives Verhalten höher, als positives?

Wahrscheinlich. Das sieht man schon daran, worüber wir uns in Bezug auf die eigene Biografie den Kopf zerbrechen. Das sind meist Dinge, die nicht optimal gelaufen sind, selbst wenn im Grossen und Ganzen alles gut ist. Wir sind noch immer zu oft defizitorientiert statt auf die Potenziale zu schauen. Zu sehen, was Menschen gut können, damit tun wir uns schwer. 

Wenn ich negatives Verhalten mit Strukturen nicht verhindern kann, sollte man es dann wenigstens sanktionieren?

Auf jeden Fall. Es ist vollkommen legitim, zum Schutz derjenigen, die mitspielen, hart durchzugreifen. Aber bitte nur, wenn klar ist, wer die schwarzen Schafe sind. Andernfalls können Sanktionen schnell unwirtschaftlich sein: Ein Beispiel: In einem Unternehmen, mit dem ich einmal gearbeitet habe, durften Mitarbeiter im Aussendienst ihre Hemden bei einem Wäschedienst abgeben. Einige haben das missbraucht und auch ihre private Wäsche abgegeben. Das schlug in diesem Unternehmen grosse Wellen und es gab einen weltweiten Wäscheerlass, das Ganze in mehreren Sprachen. Dabei handelte sich letztlich vielleicht um ein Prozent schwarze Schafe. Da fehlt mir die Gegenrechnung. Es ist oft ökonomisch nicht sinnvoll, die Systeme so engmaschig zu gestalten. 

Wenn sich die schlechte Erfahrungen häufen, ist dann nicht verständlich, wenn jemand bei seinem negativen Menschenbild bleibt? 

Absolut. Wir bilden eine Haltung aus, die auf der Summe unserer gemachten Erfahrungen beruht. Alles was uns sozusagen unter die Haut gegangen ist, führt zu unserer Default-Einstellung. Und das lässt sich dann auch nicht mit einem Appell beseitigen. 

Zur Person 

Stefan Kaduk startete 2001 mit Dirk Osmetz und Hans A. Wüthrich die Musterbrecher-Initiative. Sein Schwerpunkt liegt auf der Frage, wie der sinnvolle Musterbruch in Organisationen inmitten allgegenwärtiger Sachzwänge gelingen kann. 2007 gründete er gemeinsam mit Dirk Osmetz die Musterbrecher® Managementberater. Er tritt als Keynote Speaker und Moderator auf Managementkonferenzen auf und begleitet Unternehmen bei der konkreten Arbeit am Musterbruch. www.musterbrecher.de
 

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Stefanie Zeng ist Online Redaktorin bei Miss Moneypenny. 

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