Zwischen Sternchen und Stirnrunzeln
Das Gendern bewegt die Gemüter. Für die einen ist gendergerechte Sprache ein Zeichen von Respekt und Achtsamkeit. Für die anderen eine Zumutung. Zwischen Sternchen, Doppelpunkt und Grundsatzfragen geht es um Werte, nicht um rigide Rechthaberei.
Foto: Tim Mossholder / Unsplash
Beim Betreten dieser Bürogemeinschaft bleibe ich erst einmal stehen und versuche einzuordnen, was ich sehe. Ein Sammelsurium aus Material, Stil und Farbe. Kein erkennbares Design, keine Linie. Jeder Stuhl ist anders. Die Tische wie zufällig hingestellt. Ein paar Bilder sind zu sehen. Fotografien und Gemälde. Meine erste Reaktion war eine Bewertung: Geht ja gar nicht! Erst im Gespräch mit den Mitgliedern der Bürogemeinschaft erfahre ich den Grund dieser Möblierung: Vielfalt. Sie ist die neue Ordnung und soll zeigen, dass Menschen und Zusammenarbeit nicht gleichförmig sein müssen, sondern quirlig, verschieden, überraschend oder bewusst verstörend. Das Wort dafür heisst Diversity. Ich komme mir gerade sehr blöd vor mit meiner «Geht-ja-gar-nicht-Reaktion».
Vielfalt im Büro
Zu Diversity gehört auch das Thema Gendern, das Identität, Gleichstellung und Respekt vor Einzigartigkeit in der Sprache abzubilden versucht. Die Debatten um das Gendern haben längst einen heiklen Siedepunkt erreicht. Und an dieser Stelle fühle ich einen Sternchenstress oder Angst vor dem Doppelpunkt, denn ich möchte von Gralshütern der deutschen Sprache sprechen und die Konstruktion «Gralshüterinnen und Gralshüter oder Gralshütende oder Gralshüter:innen oder Gralshüter*innen» vermeiden. Ich möchte von Werten sprechen und nicht von Satzzeichen, die Wörter auseinanderreissen und aussehen lassen wie mathematische Formeln.
In meiner Arbeit geht es immer um die Frage, wie wir miteinander sprechen, mit welchen Formulierungen wir Menschen erreichen, einbeziehen und verstehen. Für das Gendern nutze ich das Dreieck kritische Thesen, positive Aspekte und Umsetzung im Alltag.
Kritische Thesen
- Das Gendern verändert die Sprache von oben nach unten, also von der Theorie in den Alltag. Sprache entsteht jedoch durch Menschen auf der Strasse, in Büros, zu Hause oder in der Schule.
- Das Gendern macht das Lesen mühsam. Sonderzeichen wie Stern, Doppelpunkt oder Schrägstrich hemmen den Lesefluss und damit die Verständlichkeit.
- Sonderzeichen lösen keine gesellschaftlichen Probleme. Wer respektlos ist, wird durch das Gendern nicht zu einem respektvolleren Menschen.
- Die Debatte bindet zu viel Energie. Viele Menschen erleben die Diskussion politisch überhöht und wünschen sich mehr Gelassenheit oder Grosszügigkeit im Umgang mit Sprache.
Positive Aspekte
- Das Gendern hinterfragt Rollenbilder und deckt Vorurteile auf.
- Dank des Genderns sind Gespräche über Einzigartigkeit und Inklusion wichtig geworden.
- Werte erhalten mit dem Gendern Sichtbarkeit. Allerdings nur, wenn die Diskussion über die Sonderzeichen hinausgeht. Wie äussern wir Kritik wertschätzend? Wie bewertend ist unsere Sprache und wie setzen wir das Wort «leider» ein? Diese Fragen sind gute Beispiele für wertvolle Auseinandersetzungen in allen Organisationsformen.
- Das Gendern nervt, bewegt, erhitzt, rüttelt auf. Diese Bewegungen sind immer gut für die Sprache. Sie schützen vor Abnutzung, Gleichförmigkeit und Gleichgültigkeit.
- Das Gendern fördert die Kreativität, denn wir suchen nach neuen Begriffen und testen sie im Alltag.
Umsetzung im Alltag
- Schritt für Schritt. Öffnen Sie das Genderfeld mit Ihren Werten. In ihnen liegt die Kultur, die Tonalität Ihrer Sprache. Wählen Sie jeweils einen Wert für diese Ebenen: Was ist unser Auftrag als Team oder Unternehmen? Wie möchten wir verstanden und gesehen werden (Aussenblick)? Wie sind wir persönlich eingestellt (Arbeitshaltung)? Diese Werte sind Ihre Basis.
- Keine unnötigen Tiefenbohrungen. Beispiel: Eine Firma stellt etwas her. Firma ist weiblich. Soll es nun heissen: «Wir sind Herstellerin von ...» oder «Hersteller»? Streng genommen ist «Herstellerin» richtig. Die Frage muss sein, ob «Hersteller» Menschen ausschliesst. Sprechen Sie aus der Vogelperspektive über Begriffe und vermeiden Sie enge Sichtweisen.
- Eleganz gewinnt. Und machen Sie es so einfach wie möglich. Wendungen wie «Mitarbeitende/Mitarbeiter*innen, die am Workshop nicht teilnehmen können, melden sich bei ...» sind zu kompliziert. Schreiben Sie: «Wer nicht teilnehmen kann, meldet sich bei ...» Interessant ist auch das Wort «Führungskraft». Warum muss es eine «Kraft» sein? Vielleicht geht auch «Führungsperson», «Leitungsteam» oder nach alter Schule «Chefin», «Chef». Auch «Fachleute» ist ein elegantes Wort. Es ersetzt «Expertinnen und Experten». Und falls in einem Team ausschliesslich Männer arbeiten, dann heisst es «Fachmänner».
- Reflektieren Sie Ihre persönlichen Sprachmuster und jene des Unternehmens. Erstellen Sie eine Liste mit Begriffen, die Sie gendern möchten. Auch hier ist die Zweckfrage wichtig. Hilft das Wort, Menschen besser zu erreichen und einzubeziehen?
- Grosszügigkeit und Sprache atmen lassen. Weiter oben berichte ich von der Bürogemeinschaft und meiner spontan negativen Bewertung. Ich hätte mich selbst und im Gespräch fragen können, worum es bei dieser Möblierung geht und was dabei wichtig ist. Diese Vorgehensweise vermeidet Sprachpolizist*innen. Das elegantere Wort dafür könnte «Sprachdiktat» sein.
Wer über das Gendern spricht, spricht über Sprache, meint jedoch Werte. Gendergerechte Sprache bringt noch keine fairen Menschen hervor, belebt jedoch den Wert Fairness. Beim Gendern geht es um die alte Frage, wie wir miteinander umgehen und welche Sprache uns trennt oder verbindet.
Die Akzente liegen nicht auf Stern, Doppelpunkt, weiteren Satzzeichen oder grammatikalischen Regeln. Viele haben mit dem Gendern sehr viel Stress, denn sie versuchen, es allen recht zu machen, möglichst neutral und kantenfrei zu kommunizieren. Sprache ist jedoch nie neutral. Wörter erzeugen Bilder, Gespräche und Texte wecken Gefühle. Wir dürfen den Stress ablegen und Energie für unsere Haltung freisetzen. Welche Menschen wollen wir sein und welche Sprachkulturen dürfen uns begleiten?
Vielfalt, Ungenauigkeit und vor allem Lebendigkeit unterscheiden uns von Maschinen. Das Wort Gender ist sächlich: das Gender. Nutzen wir diese «Sächlichkeit» für offene Dialoge und unterschiedliche Sichtweisen. Eine solche Welt atmet, wie die Bürogemeinschaft mit ihrer kunterbunten Einrichtung.