Interview

«Für fast jede Frau gibt es das passende Netzwerk»

Sie lebt das, worüber sie schreibt: Petra Rohner teilt nicht nur seit Jahren ihr Wissen und ihre Erfahrungen zum Thema einflussreiches Netzwerken. Mit der von ihr gegründeten Stiftung SWONET (Swiss Women Network) hat sie ein einflussreiches Frauennetzwerk aufgebaut.

Wieso haben Sie ein Buch zum Thema Netzwerken geschrieben?

Ich beschäftige mich seit über zehn Jahren beruflich mit diesem Thema. Im Fokus ist dabei der Bewerbungs- und Rekrutierungsprozess, der stark von Netzwerken beeinflusst wird. Dann habe ich vor zwölf Jahren SWONET gegründet. Ich habe gemerkt, dass Frauen zwar wissen, dass Netzwerken wichtig ist, sich aber nicht wirklich damit auseinandersetzen. In meinem Buch zeige ich den Veränderungsprozess sowie die Bedeutung des Netzwerkens in der digitalen Welt auf.

Sie schreiben, Sie hätten durch virtuelle Businessnetzwerke einen persönlichen Wendepunkt erlebt. Was meinen Sie damit?

Ich war vom ersten Moment an von der neuen Art der Kommunikation fasziniert. Für mich selbst hat sich eine neue Welt aufgetan. Ich wollte mich beruflich neu positionieren und habe gemerkt, dass hier eine Chance entsteht. Was ich heute beruflich mache, gab es vor 15 Jahren noch gar nicht. 

Wie netzwerken Sie?

Ich netzwerke sehr unterschiedlich. Auf der einen Seite schätze ich nach wie vor das persönliche Kennenlernen. Dabei unterscheide ich zwischen Netzwerkpflege und Netzwerkaufbau. Wenn ich also an einem Event teilnehme, versuche ich herauszufinden, wer von meinen Kontakten auch am Anlass sein wird. So ergibt sich die Möglichkeit für ein Gespräch. Für den Netzwerkaufbau sind Themenveranstaltungen wertvoll. Da lerne ich neue Leute kennen. Zentral fürs Netzwerken ist das Interesse an anderen Menschen und an dem, was sie tun. Ich höre viel mehr zu, als selber zu reden. Bei der virtuellen Vernetzung trete ich gerne mit Personen in Kontakt, die sich mit aktuellen Themen auseinandersetzen. Wichtig ist mir die Sichtbarkeit. Da ich aktiv in der virtuellen Welt tätig bin, ist mir Sichtbarkeit wichtig. Das heisst, ich nehme grosszügig Kontaktanfragen an, denn durch meine Kontakt erreiche ich auch Personen, die ich nicht kenne.

Wann kann von einflussreichem Netzwerken gesprochen werden?

Ich kenne Leute, die nicht Tausende von Kontakte auf Xing oder Linkedin zählen, aber dennoch über ein sehr effizientes Netzwerk verfügen. Es gilt sich bewusst zu sein, was der Sinn und Zweck ist: Geht es um Stellensuche, um Kundengewinnung oder will ich als Expertin sichtbar sein? Wenn ich als Expertin wahrgenommen werden will und selbst blogge, dann brauche ich viele Kontakte, damit das Geschriebene auch gesehen wird. Wenn ich ein Netzwerk für den persönlichen beruflichen Erfahrungsaustausch haben will, dann reicht ein kleineres, dafür sehr viel ausgewählteres Netzwerk. Es lässt sich nicht mit Zahlen messen. Wichtig sind die persönlichen Anforderungen ans Netzwerk.

Ich kenne Leute, die nicht Tausende von Kontakte auf Xing oder Linkedin zählen, aber dennoch über ein sehr effizientes Netzwerk verfügen.

Karriere ohne zu netzwerken – geht das heutzutage noch?

Netzwerk und Karriere gehen heute Hand in Hand. Der ganze Arbeitsmarkt hat sich elementar verändert. Heute positioniert man sich bereits nach der Grundausbildung seinen Interessen und Stärken folgend. Schon beim Berufseinstieg muss klar sein, dass spätestens ab 55 Jahren nicht mehr mit einer Festanstellung gerechnet werden kann, sondern viel mehr projektbezogen gearbeitet wird. Wir sind ein KMU-Land. KMU können erfahrene Experten oft nicht zu 100 Prozent anstellen.  Deshalb müssen wir uns viel früher damit auseinandersetzen, was wirklich unsere Stärken sind, denn Karriere bedeutet in Zukunft, sich und seine Stärken weiterzuentwickeln.

Für Assistentinnen und Assistenten würde das bedeuten, dass sie nicht für ein Unternehmen oder eine Führungsperson, sondern projektbezogen für verschiedene Firmen und Vorgesetzte auf Mandatsbasis arbeiten.

Genau. In meinen Augen wird der Assistenzberuf in Zukunft noch wichtiger sein, weil die Chefs nicht mehr in einer klaren Hierarchiestufe führen, sondern sich viel mehr damit auseinandersetzen müssen, wie sich Führung verändert und wer sie in diesem Prozess sind. Die Führungsperson wird einen Sparringpartner brauchen und diese Rolle kann die Assistenz übernehmen.

SWONET ist ein Netzwerk ausschliesslich für Frauen – was macht SWONET anders als andere Organisationen?

SWONET hat zwei Bereiche: die Stiftung SWONET und das Forum. Die Stiftung ist in erster Linie ein Internetportal in dem aktuell 120 Frauenorganisationen vorgestellt werden. Sie wurde gegründet, um Schweizer Frauenorganisationen eine Präsenz zu ermöglichen. Bei der Stiftung SWONET können Frauen nicht wie bei einem Verein Mitglied werden. Wir haben aber ein Forum. Das ist eine geschlossene Gruppe im Businessnetzwerk Xing. Wir zählen rund 8000 Mitglieder. Damit die virtuelle Organisation nicht so unpersönlich ist, war es mir von Anfang wichtig, auch reale Treffen zu organisieren. Pro Jahr finden ca. 50 Treffen in verschiedenen Schweizer Städten statt. 

Zwölf Jahre Frauennetzwerk – netzwerken Frauen anders als Männer?

Netzwerken hat bei Frauen noch immer viel mit Vertrauen zu tun. Wenn Frauen jemanden vermitteln oder eine Empfehlung aussprechen, dann übernehmen sie Verantwortung. Sie fühlen sich verpflichtet, dass die von ihnen empfohlene Person die Erwartungen erfüllt. Ich habe gelernt, losgelöst davon Tipps zu geben, wenn ich gefragt werde. Was ich aber seit Jahren mit Freude bemerke, ist der wachsende Anteil an Unternehmerinnen in der Schweiz. Proportional dazu wächst auch die Unterstützung unter den Gründerinnen. Da entwickelt sich eine ganz spannende Vernetzung, bei der Unternehmerinnen andere Frauen beim Start in die Selbstständigkeit unterstützen. Es gibt eine grosse Solidarität und ein Verständnis dafür, dass alle auf dem Markt sichtbar sein müssen und sich zu Beginn mit ähnlichen Fragen oder Problemen konfrontiert sehen.

Sie sprechen die Solidarität an. Zeigen sich Frauen besonders solidarisch?

Für viele Männer ist es selbstverständlich, dass alles einen Wert hat. Dabei geht es nicht immer nur ums Monetäre, sondern auch um geschuldete Gefallen. Das hat Männernetzwerke schon in der Vergangenheit gestärkt. Was Frauen aber unterschätzen, ist, dass Männernetzwerke einst eine ganz starke Basis im Militär und in der geradlinigen Karriere hatten. Die Männer, die heutzutage ins Berufsleben einsteigen, haben teilweise weder den Militärdienst geleistet, noch werden sie eine geradlinige Karriere absolvieren. Ergo haben sie kein besseres Netzwerk als Frauen. Es gibt eine Grosszahl von Männern, die nie gelernt haben zu netzwerken. Ich bekomme viele Anfragen von Männern, die nicht wissen, wie sie netzwerken sollen. Wir Frauen müssen uns davon lösen, dass Männer etwas besser machen als wir. Denn welche Männernetzwerke gibt es? Viele Businessnetzwerke wie Rotary haben bei jungen Männern an Attraktivität eingebüsst. Hingegen gibt es für fast jede Frau das passende Netzwerk.

Es gibt eine Grosszahl von Männern, die nie gelernt haben zu netzwerken.

Seit 2009 veranstalten Sie den Business & Network Day. Was ist der Sinn und Zweck des Events?

Zwei Zielsetzungen waren entscheidend für die Lancierung des Events: Erstens wollte ich den 120 Frauenorganisationen eine Plattform bieten. Die Besucherinnen haben die Chance, an diesem Tag die Organisationen und deren Präsidentinnen kennenzulernen. Zweitens wird durch die Workshops und die hochkarätigen Podien den Frauen ein Mehrwert geboten. Frauen sollen sich bewusst werden, dass das Netzwerken heute ein Teil des Business ist. Der Business Network Day ist für viele Teilnehmerinnen wie ein Klassentreffen. Einige Frauen kommen seit zwölf Jahren zum Event. Für andere ist es das erste Mal. Aber auch diejenigen, die das erste Mal dabei sind, haben von Anfang an das Gefühl dazuzugehören.

Die Marke ICH – muss sich fürs berufliche Weiterkommen jede und jeder verkaufen?

Eindeutig ja. Klar, wir haben ein Problem mit dem Begriff «verkaufen», weil es mit «anpreisen», mit «anbieten» verbunden wird. Aber im Grunde genommen ist es genau das. Dadurch, dass sich alles in die virtuelle Welt verschoben hat, holen sich Recruiter oder Kunden die ersten Informationen online ein. Demzufolge muss ich auch in der virtuellen Welt mit einem professionellen Profil gefunden werden. Es ist nichts anderes als eine persönliche Suchmaschinenoptimierung. Gerade in Grosskonzernen besteht die Gefahr, unsichtbar zu sein. Wer sich in den Businessnetzwerken bewegt und zu gewissen Themen Stellung bezieht, wird auch intern wahrgenommen. Es geht um die sichtbare Eigenpositionierung. Nochmals: Es reicht nicht, nur den Lebenslauf hochzuladen, denn so einen Lebenslauf haben Tausende andere auch. Es geht darum, sich mit eigenen Aktivitäten abzuheben, um neben Fachwissen auch Lebenserfahrung und Interessen sichtbar zu machen.

Zur Person

Petra Rohner ist Inhaberin der PR Consulting GmbH und Gründerin der Stiftung SWONET. Sie doziert und referiert zum Thema «Berufliches Netzwerken».
petrarohner.ch; swonet.ch

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Chefredaktorin Miss Moneypenny

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