Karriere im Erbrecht
Sonja Bider hat als Rechtsassistentin begonnen und arbeitet heute als Spezialistin für Nachlassabwicklung, Güter- und Erbrecht bei der Zuger Kantonalbank. Im Interview erzählt sie, wie sie nach Stationen in Anwaltskanzleien und bei der Luzerner Kantonalbank den Schritt von der Assistenz in eine selbstständige Fachposition geschafft hat und welche Tipps sie Assistenzen im Rechtsbereich mitgibt.
Foto: zVg
«Mir war immer klar: Für eine Bank oder eine Versicherung arbeite ich nie», erinnert sich Sonja Bider schmunzelnd an die Anfänge ihrer beruflichen Laufbahn. «Und ja: Sag niemals nie.» Denn ausgerechnet die Bankenbranche eröffnete ihr schliesslich einen spannenden Karriereweg in jenes Rechtsgebiet, das sie bis heute fasziniert: das Güter- und Erbrecht.
Was Bider bis heute an dieser Thematik reizt, ist die Nähe zum echten Leben. «Man taucht in die Lebensgeschichten von Menschen ein und beschäftigt sich mit Situationen, die jeden von uns treffen können und in denen rechtlicher Beistand gefragt ist.» Besonders spannend findet sie dabei die Frage, wie Recht im konkreten Einzelfall angewendet wird und wie viel Spielraum manchmal besteht. «Das ist unglaublich faszinierend.»
Erste Schritte in der Anwaltskanzlei
Sonja Bider landet schon früh im Rechtsbereich. Ihre Lehre absolviert sie von 1991 bis 1994 in einer kleinen Anwaltskanzlei in Solothurn. «Wir hatten vor allem mit Scheidungen zu tun. Das war damals hochspannend, weil zu dieser Zeit die Schuldfrage noch von Bedeutung war.» Nebst dem Scheidungsrecht bekommt sie in dieser Zeit auch Einblick ins Verkehrsrecht, denn ihr Chef ist zusätzlich für den TCS tätig.
Nach ihrer Lehre und einem 13-monatigen Aufenthalt in den USA als Au-pair arbeitet sie beim Amt für Wirtschaft und Arbeit Solothurn als Sachbearbeiterin bei der Arbeitslosenkasse und bleibt auch dort mit rechtlichen Bestimmungen in Kontakt. «Ich rechnete die Verdienste für die Versicherten aus, kontrollierte gesetzlich geregelte Arbeitsbemühungen und verfügte, falls notwendig, Taggeldkürzungen.»
Von 1998 bis 2001 pausiert sie im Rechtsbereich und schlägt beruflich einen ganz anderen Weg ein. «Ich war Assistentin bei der RAHN Group, einem medizinaltechnischen Unternehmen in Oerlikon.» Lange hält die Abkehr vom Recht jedoch nicht an. Schon bald merkt die Assistentin, dass sie dieser Bereich nach wie vor anzieht. Von 2003 bis 2007 arbeitet sie deshalb erneut in einer Kanzlei in Solothurn, anschliessend von 2007 bis 2013 in einer Ein-Mann-Kanzlei in Luzern. Dort beschäftigt sie sich vor allem mit steuerrechtlichen Belangen. «Da ich die Alleinsekretärin war, war ich für den administrativen Teil der ganzen Kanzlei verantwortlich. Das war toll und machte selbstbewusst.» Aufgrund der Pensionierungsabsichten ihres Chefs sieht sie sich nach sechs Jahren nach etwas Neuem um.
Quereinstieg Erbrecht
Als Bider sich 2013 erneut bewirbt, ist sie Mami von zwei kleineren Kindern und sucht deshalb über das damals noch bestehende Stellenvermittlungsbüro des KV Luzern gezielt nach einer Teilzeitstelle. «Man bot mir eine Tätigkeit bei der Luzerner Kantonalbank an, und ich habe gesagt, sicher keine Bank.» Dann kommt allerdings der entscheidende Nachsatz: im Rechtsbereich, in der Spezialberatung. «Da dachte ich, versuchen kann man es ja mal.» Und so wird Sonja Bider Anwaltssekretärin im Bereich Erbrecht und Willensvollstreckung.
Als die damals 38-Jährige bei der Bank einsteigt, befindet sich der Spezialbereich Güter- und Erbrecht im Aufbau. «Wir waren ein sehr kleines Team mit zwei Juristinnen. In der Assistenz teilten meine Kollegin und ich uns eine 100-Prozent-Stelle im Jobsharing.» Entsprechend gehört es zu den ersten Aufgaben des Teams, die Dienstleistung innerhalb der Bank bekannt zu machen und gleichzeitig auch nach aussen zu tragen. «Meine Aufgaben waren sehr umfassend. Ich bereitete Präsentationen und Unterlagen für Events und Kundenberatende auf, erstellte gemeinsam mit den Juristinnen Vertragsvorlagen und Verträge und verfasste Begleitbriefe.»
Was Assistenzen im Erbrecht tun
Mit der Zeit wächst Bider immer stärker in den Bereich Nachlass- und Willensvollstreckung hinein. «Die Juristinnen fokussierten sich ab einem gewissen Zeitpunkt vor allem auf die Beratung im Ehegüterbereich und wir Assistenzen kümmerten uns nebst der administrativen Arbeit um die Willensvollstreckungen.» Konkret bedeutet das für Bider, dass sie sich um alles kümmert, was es braucht, um ein Leben behördlich abzuschliessen – von der Auflösung von Wohnungen und Konten bis zum Verteilen des Nachlasses an die Erben. «Man regelt die letzten Dinge im Leben eines Menschen und arbeitet, wenn möglich, eng mit den Hinterbliebenen zusammen.»
Dabei begegnet Bider den unterschiedlichsten Familienkonstellationen. «Schöne, einfache, schwierige.» Auch mit den verschiedensten Behörden in der ganzen Schweiz hat sie zu tun, mit Teilungs- und Erbschaftsämtern ebenso wie mit weiteren involvierten Stellen, von Genf bis ins Bündnerland. Genau diese Vielfalt ist es, die sie an der Arbeit zunehmend begeistert. Und wie wächst man Know-how-mässig in einen solchen Aufgabenbereich hinein? «Man lernt es mittels ‹Learning-by-doing›, eine klassische Ausbildung für diese Tätigkeit gibt es nicht.»
Weiterbildung zur Direktionsassistenz
Nach siebeneinhalb Jahren hat sich das Nachlassgeschäft bei der Luzerner Kantonalbank vervielfacht. «Wir waren auf einmal fünf Assistentinnen sowie sechs Juristinnen und Juristen.» Mit den Jahren und der immer mehr routinierten Tätigkeit wächst bei Sonja Bider jedoch der Wunsch, nochmals eine Weiterbildung anzupacken. «Allerdings nicht im naheliegende Paralegal-Bereich, das war mir als Mutter von zwei kleinen Kindern zu viel.» Stattdessen entscheidet sie sich für die Direktionsassistenz-Ausbildung und möchte nach deren Abschluss 2020 ihr neu erworbenes Wissen auch anwenden sowie ihr Pensum erhöhen. Da dies in ihrer bisherigen Position nicht möglich ist, wechselt sie intern die Stelle.
Von 2021 bis 2023 arbeitet Sonja Bider als Assistenz im Bereich Steuern und berufliche Vorsorge. Gleichzeitig übernimmt sie die Führung von zwei Teilzeit-Assistentinnen. «Da habe ich gemerkt: Mir macht Spass, die Ladies zu führen, aber die Thematik Steuern und BVG interessiert mich weniger.» Fachlich zieht es sie im Hinterkopf nach wie vor zurück in den Nachlassbereich. «Ich wusste, wenn sich in diesem Gebiet nochmals etwas ergeben würde, greife ich zu.»
Vorerst führt ihr Weg sie 2023 jedoch noch ins Private Banking. Auch dort kann sie Erfahrungen sammeln und lernt eine weitere Seite der Bank kennen. 2025 wechselt sie schliesslich intern ins Team Rechtsdienst & Compliance, wo sie bis 2026 als stellvertretende Sekretariatsleiterin ihr Wissen einsetzt. «Ich dachte zuerst: Das könnte es nun sein. Wieder mit Juristen zusammenarbeiten, wieder mit Recht zu tun haben.» Doch auch diese Stelle erweist sich nicht als das Richtige. «Das Ganze ist sehr stark geregelt und inhaltlich war es mir einfach zu viel vom Gleichen.» Für Bider ist damit klar: «Das wird es nicht für immer sein.»
Vom Assistenz- zum Spezialistenjob
Der entscheidende Tipp kommt schliesslich von einem persönlichen Kontakt. «Ein Jurist, mit dem ich befreundet bin, sagte mir: Die Zuger Kantonalbank sucht eine Spezialistin für Nachlassabwicklung, Güter- und Erbrecht. Bewirb dich doch.» Genau das tut Bider, obwohl die Stelle gar nicht als Assistenzposition ausgeschrieben ist. «Da ich die Voraussetzungen und das Wissen für den Job jedoch aus meiner Zeit bei der Luzerner Kantonalbank mitbrachte, habe ich es einfach versucht.» Mit Erfolg. Seit Mai 2026 arbeitet Sonja Bider nun in dieser Position und nicht mehr als klassische Assistenz. «Ich diene also nicht mehr jemandem zu, sondern arbeite für mich.» Bider übernimmt Mandate, vertritt die Bank nach aussen und ist Ansprechperson für die Erben.
Ihr Karriereschritt wurde von ihrem Umfeld sehr positiv aufgenommen. Besonders schätzt sie nebst der neu gewonnenen Freiheit selbstständig zu arbeiten die Möglichkeit, sich fachlich weiterzuentwickeln. So kann sie heute an Erbrechtstagen und Fachveranstaltungen teilnehmen, an denen aktuelle Entwicklungen und Fälle diskutiert werden. «Früher war das den Juristinnen und Juristen vorbehalten. Das eröffnet mir neues Potenzial.» Und was rät sie Assistenzen im Rechtsbereich, die sich beruflich weiterentwickeln möchten? «Der Rechtsbereich ist vielfältig. Unbedingt auch in andere Fachrichtungen hineinschauen. Offen sein für Veränderung. Unerwartet findet man dann vielleicht genau die Stelle, die man sich immer gewünscht hat.»