New Work

Mehr als nur Homeoffice

New Work, das ist doch nur ein anderes Wort für Homeoffice. Das haben Sie sicher auch schon gehört. Aber obwohl Homeoffice und New Work miteinander zu tun haben: Die neue Arbeitswelt ist sehr viel mehr als das.

Erinnern Sie sich, wo Sie am Dienstag, den 18. Mai 2010 waren? Wenn Sie damals zur Mehrheit der Schweizer Büroangestellten gehörten, sassen Sie ziemlich sicher bei der Arbeit in einem Büro. Vielleicht waren Sie aber auch Teil der kleinen Minderheit, die der Aufforderung vom Bund gefolgt und zu Hause geblieben war: Der 18. Mai 2010 war nämlich der erste nationale Homeoffice-Tag der Schweiz, von Bund, Wirtschafts- und Umweltverbänden ins Leben gerufen. Der Erfolg dieser Initiative war mässig. Laut offiziellen Zahlen hatten in der ganzen Schweiz gerade mal 10 000 Personen mitgemacht. Heute, rund zehn Jahre später, sieht es deutlich anders aus: Gemäss Erhebung der Fachhochschule Nordwestschweiz sassen letztes Jahr sage und schreibe 2,4 Millionen Schweizer Erwerbstätige im Homeoffice. Zugegeben: notgedrungen wegen Corona. Doch der Ausbruch der Pandemie hat bewirkt, dass sich heute sehr viel mehr Unternehmen und Arbeitnehmende mit neuen Arbeitsformen beschäftigen als noch vor wenigen Jahren.

Es geht auch anders

Klar, die meisten waren während der Corona-Verschnaufpausen froh, die Kolleginnen und Kollegen wieder physisch treffen zu können. Doch das pandemiebedingte Homeoffice hat gezeigt: Eine neue Art zu arbeiten – New Work – ist möglich. Man muss nicht fünf Tage die Woche ins Büro fahren und tagein, tagaus überfüllte Züge und den Stau am Gubrist ertragen. Man muss sich auch nicht täglich den Dauerlärm des Grossraumbüros antun, nur um ein paar Excelsheets auszufüllen; das geht in der Ruhe des Homeoffice einiges speditiver. Sollte man trotzdem einmal den Kollegen oder die Chefin brauchen, holt man sie sich per Knopfdruck ins Wohnzimmer. Vernetzen, austauschen und Projekte vorantreiben funktioniert auch, ohne die halbe Woche in schlecht gelüfteten Besprechungszimmern zu hocken. Doch New Work ist nicht einfach alte Arbeit mit Internetanschluss am heimischen Küchentisch. Das coronabedingte Homeoffice war zwar vielleicht der Katalysator für neue Arbeitsformen. Doch New Work zeichnet sich schon länger ab, hat viel mehr Facetten und wird von etwas ganz anderem getrieben als der Pandemie: nämlich der Digitalisierung.

Digitale Transformation als Treiber

Seit einigen Jahren erleben wir mit der digitalen Transformation eine der grössten Umwälzungen seit der Erfindung der Glühbirne oder des Autos. Die digitalen Möglichkeiten verändern die Welt sogar noch rasanter als Elektrizität und Verbrennungsmotor – es scheint kein Tag ohne neues Produkt oder neuen Service auf dem Markt zu vergehen. Das fordert von Unternehmen weltweit ein hohes Innovationstempo, denn das nächste Start-up mit dem nächsten disruptiven Geschäftsmodell könnte gleich um die Ecke lauern. Auf der anderen Seite übernehmen je länger je mehr Computer, Smartassistenten oder Roboter Routinetätigkeiten, die zuvor der Mensch erledigen musste. Damit wird die menschliche Arbeitskraft frei, um sich genau um die Dinge zu kümmern, die die Unternehmen im täglichen Konkurrenzkampf weiterbringen: um Innovation. Veränderte Anfor­derungen an Skills sind die Folge. So wird ­kreativ zu sein und konzeptionell arbeiten zu können immer wichtiger für Arbeitnehmende. Aber auch Empathie ist eine Schlüsselkompetenz. Denn um innovativ zu sein, müssen sich Menschen vernetzen und gut zusammenarbeiten können. Dazu braucht es das Vermögen, sich in andere einzufühlen. Überhaupt ist das einsame, kreative Genie ein Mythos: Innovation passiert, wenn Menschen zusammenkommen – nicht, wenn sie im stillen Kämmerlein vor sich hin brüten. Deshalb trifft man auch immer mehr auf neue Methoden wie Scrum oder Organisationsmodelle wie Holokratie, die es den Mitarbeitenden erlauben, vernetzt und agil zu arbeiten.

«Kreativität und konzeptionelles Arbeiten wird für Arbeitnehmende immer wichtiger.»

Kulturwandel

Entsprechend spürt man in den Firmen allmählich einen Kulturwandel. Auch das Verständnis dafür, wie eine ideale Führung aussieht, verändert sich. Sie bewegt sich weg von den «3K» – kommandieren, kontrollieren, korrigieren – und geht in Richtung der «4M»: Man muss Menschen mögen, wenn man ein guter Leader sein will. Ein Verhältnis auf Augenhöhe, Wertschätzung, Transparenz, Sinnvermittlung sowie Vertrauen statt Kontrolle, das wird immer mehr gefordert und auch gewährt. Denn Mitarbeitende müssen selbstständig arbeiten und ihre Talente entfalten dürfen, sollen sie einen Mehrwert darüber hinaus bieten, was nicht schon ein Roboter erledigen kann. Aber auch für die Motivation ist es wichtig, dass man den Leuten Freiräume lässt – auch im wörtlichen Sinn. So sollen Mitarbeitende selbst bestimmen dürfen, welche Arbeitsräume für welche Aufgaben am besten passen: ob Homeoffice für das konzentrierte Arbeiten, der Ideation Space, um neue Ideen zu entwickeln, die Begegnungszone im Corporate Office für einen ungezwungenen Projektaustausch oder der Coworking-Space, um sich über die Firmengrenzen hinaus zu vernetzen.

Assistenz 4.0

New Work macht auch vor der Assistenz nicht halt. «Holen Sie mir einen Kaffee, Alexa», werden Chefs bald nur noch zur künstlichen Intelligenz sagen können. Denn Assis­tentinnen aus Fleisch und Blut werden künftig für andere Aufgaben gebraucht werden als für Routinetasks. So werden Planungs- und Koordinationsaufgaben über Abteilungsgrenzen hinweg zunehmen, aber auch die Leitung von Projekten oder die Mitarbeit darin. Mitdenken, organisieren, koordinieren, selbstständig planen und umsetzen, also für die Vorgesetzten ein echter Business Partner sein – das sind die Aufgaben der Assistentinnen und Assistenten von morgen. Aber: Was morgen gilt, kann übermorgen schon wieder anders sein. Denn die digitale Transformation vollzieht sich schnell und ist disruptiv. Wenn Sie also bei New Work dabei sein wollen, müssen Sie vor allem eins mitbringen: Die Bereitschaft fürs lebenslange Lernen. Der Rest klappt dann wie ein Zoom-Meeting im Homeoffice – unterdessen ziemlich reibungslos.

Out of office: Arbeitsplatz Natur

Die neue Arbeitswelt verlangt nach Kreativität. Doch die tristen vier Wände des klassischen Büros inspirieren uns kaum zu kreativen Höhenflügen. Die Natur hingegen schon.

Die Digitalisierung schafft immer mehr Routinetätigkeiten ab. Aufgaben, die früher der Mensch in endloser, eintöniger Wiederholung selbst erledigen musste, übernehmen heute zunehmend Computerprogramme und Smartassistenten. Damit machen sie den Weg frei für menschliche Eigenschaften wie Einfallsreichtum und Kreativität, die als Key Skills für die neue Arbeitswelt gelten. Doch dafür braucht es neue Arbeitsumgebungen; nichts tötet die Kreativität mehr als ein von Neonlicht durchflutetes Büro und der immer gleiche Tagesablauf. Das wussten schon Glühbirnenerfinder Thomas Edison, Autopionier Henry Ford, Reifenhersteller Harvey Firestone und der Forscher John Borroughs: Zwischen 1915 und 1924 tourten die vier berühmten Männer auf gemeinsamen Camping­ausflügen quer durch Amerika. Die Outdoor­trips der «Four Vagabonds», wie sie sich nannten, sollten ihnen als Inspiration für ihre Arbeit dienen.

Dr. Annina Coradi, Dozentin für New Work und Expertin für Raumkonzepte, bestätigt: «Die Natur ist unser grösster Inspirationsraum überhaupt.» Die Zürcherin hat das ­Konzept der amerikanischen Tüftler modern interpretiert und den sogenannten Office Caravan entwickelt. «Der Office Caravan ist ein alternativer Workspace auf Rädern», erklärt Coradi. «Er bietet Freiraum fürs Experimentieren und Denken in der Natur.» Während die vier Vagabunden mit einem beträchtlichen Fuhrpark von bis zu 50 Fahrzeugen durch die Gegend zogen, ist der Office Caravan kompakt: Auf wenigen Quadratmetern findet man in Coradis Camper alles, was es für einen Workshop braucht – von Scrumboard und Ideationbox über WiFi bis zu einer kleinen Kaffeelounge. Mit ihrem Caravan hat die New-Work-Expertin die unterschiedlichsten Teams bereits an viele stimulierende Orte bringen können. Auch für ganze Strategie-Offsites. «Die Leute suchen nach Inspiration für neue Geschäftsideen und die finden sie nicht im klassischen Meetingraum», sagt sie. «Bei einem gemeinsamen Abenteuer draussen in der Natur hingegen haben sie die Chance, aus dem Alltag auszubrechen und neuen Gedanken Raum zu geben. Die grösste Chance dabei ist, dass die Leute einander von einer anderen Seite erleben. Das schafft Potenziale für Neues.»

Wenn das keine Argumente sind, einmal eine andere Arbeitsumgebung auszuprobieren? Deshalb: einfach mal dem Büro den Rücken kehren und ein bisschen durch den Arbeitsplatz Natur vagabundieren. Sie könnten auf neue Ideen kommen.

Neues Dossier

Flexibilität und Digitalisierung: Das sind in der neuen Arbeitswelt oder eben New Work die Schlagworte. Das neue Dossier «New Work – Flexibles Arbeiten im digitalen Zeitalter» von Miss Moneypenny geht der Frage nach, was New Work ist, und setzt sich mit den drei Dimensionen Bricks, Bytes und Behaviour auseinander. Bei der Dimension  Bricks geht es um den Arbeitsort und Arbeitsraum. Bei Bytes um die Technologie, also beispielsweise die Wahl der richtigen Kollaborationssoftware. Und bei Behaviour geht es um die Menschen, die Unternehmenskultur und die Kompetenzen.

Autorin Jelena Martinelli hat Abteilungen und Teams mit bis zu 500 Mitarbeitenden geleitet und sich neben Themen wie Leadership und Organisationsentwicklung auch um die Einführung von Homeoffice gekümmert. Dies zu einem Zeitpunkt, als das mobil-flexible Arbeiten noch in den Kinderschuhen steckte. In ihrer Rolle als Communication Consultant hat sie zudem die Trasformation der Swisscom zu einer agilen Organisation in ihrem Bereich mitbegleitet.

missmoneypenny.ch/dossiers

 

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Jelena Martinelli ist selbstständige Texterin bei martinellitext. Sie schreibt leidenschaftlich gerne Blogs und Publireportagen und auch sonst alles, was mit Online-Marketing zu tun hat.

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