Leidenschaft für den Schwingsport
Rahel Abt war lange in der Privatwirtschaft tätig, bevor sie 2024 zur Leiterin Administration und Geschäftsstelle eines der grössten Schweizer Vereinsfeste wurde: dem Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest ESAF 2028 Thun Berner Oberland. Ein Gespräch über ihre Leidenschaft für den Assistenzberuf, den Schwingsport und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Foto: Aniela Lea Schafroth
Für einmal ist Rahel Abt im Sägemehl und nicht auf der Zuschauertribüne anzutreffen. Das hat einen guten Grund, denn wo könnte man die Leiterin Administration und Geschäftsstelle des Eidgenössischen Schwing- und Älplerfests ESAF 2028 (ESAF) passender ablichten als in einem Schwingkeller, auch wenn sie selbst niemals in die Hosen steigen würde. «Ich war schon immer leidenschaftliche Zuschauerin», sagt sie mit einem Schmunzeln.
Für das Shooting geniessen wir das Gastrecht des Schwingklubs Thun und Umgebung, dem rund 30 Aktive sowie 90 Jungschwingerinnen und -schwinger angehören. «Eine grosse Anzahl» – ja, der Schwingsport sei nach wie vor beliebt, kann auch Abt bestätigen, die selbst seit ihrer Kindheit dem Schwing-Virus verfallen ist. «Bereits vor meiner Tätigkeit für den Sport besuchte ich mindestens drei bis vier Schwingfeste pro Jahr.» Zudem sei ihr Urgrossvater, Hans Beck, ein erfolgreicher Aktivschwinger gewesen, so war es für sie wie selbstverständlich, dass dieser Sport ein Teil ihres Lebens wurde.
Dass sie heute für das ESAF 2028 tätig ist, verdankt sich rückblickend einem lustigen Missverständnis. «Als ich bei der Grand Casino Kursaal Bern AG als Assistentin des CEO sowie des Verwaltungsrats tätig war, erwähnte ich einmal gegenüber Albert Rösti, der damals noch nicht Bundesrat, sondern Präsident des Bewerbungskomitees für das ESAF 2028 sowie Verwaltungsrat des Casinos war, dass ich mich gerne ehrenamtlich engagieren würde, wenn es denn soweit ist.» Abt dachte dabei an Ticketkontrollen oder Service. Als es dann darum ging, jemand Professionelles für die Geschäftsstelle und Administration zu finden, erinnerte sich Rösti offenbar an sie und gab ihren Namen an seinen Nachfolger Matthias Glarner weiter. «Er rief mich an und fragte, ob ich nicht zu ihnen wechseln möchte. Ich antwortete, ich sei gerade Mutter geworden und könne maximal 40 Prozent arbeiten. Worauf er antwortete, genau das suche er.» Ihr sei rasch klargeworden: «Das ist eine Anfrage, die kommt nur einmal im Leben.» Abt sagte zu.
Wachsen als Assistenz
Die Überzeugung, Chancen im richtigen Moment zu ergreifen, begleitet Abt seit ihrem Einstieg ins Studium und in den Beruf – ebenso wie die Zuversicht, dass sich immer wieder neue Türen öffnen. Nach einem abgebrochenen BWL-Studium startet sie bei der Genossenschaft Migros Aare eine verkürzte kaufmännische Ausbildung im Assistenzpool und steigt anschliessend direkt als persönliche Assistenz von Ludwig Nehls ein, dem Centerleiter des Shopping- und Erlebniscenters Westside. «Er hat mich von Anfang an gefördert und bereits nach einem halben Jahr in die Ausbildung zur Direktionsassistenz geschickt mit den Worten: Du bist eine geborene Assistentin.»
Abt absolviert die Ausbildung erfolgreich und wächst über die Jahre gemeinsam mit ihrem Chef, der vom Centerleiter in die Geschäftsleitung aufsteigt. «Ich habe immer mitgezogen, und er hat mir laufend neue Projekte anvertraut.» Beispielsweise plant und setzt sie den Auftritt der Migros beim Stadtfest in Bern um und organisiert sowie koordiniert die Umstellung der Fahrzeugflotte auf Elektroautos.
Als ihr Chef und Mentor nach einigen Jahren zur Grand Casino Kursaal Bern AG wechselt, überlegt Abt, ob sie ihm folgen soll. «Geldspiel war nicht so meins, also blieb ich vorerst.» Sie beginnt mit einem neuen Chef, merkt aber rasch, dass die Dynamik anders ist, und auch ihr damaliger Chef im Casino vermisst etwas. 2019 lädt er sie auf einen Apéro ein und fragt, ob sie ins Casino wechseln möchte. «Mit dem Wissen, dass wir einst gut zusammengearbeitet hatten, sagte ich zu.»
Und siehe da, es gefällt ihr. Besonders reizvoll sind für sie die Einblicke in rechtliche Themen wie Compliance, Geldspielgesetz und Spielerschutz, ebenso wie die Zusammenarbeit mit den vielen internationalen Mitarbeitenden. 2022 wird Abt schwanger und 2023 Mutter von Zwillingen. Nach dem Mutterschaftsurlaub kehrt sie zurück und arbeitet zunächst in einem gut eingespielten Jobsharing im Casino weiter, bis dann der Anruf des ESAF 2028 kommt und sie schweren Herzens kündigt. «Im Nachhinein war es das Beste, was passieren konnte, auch weil mein Chef das Casino kurz darauf selbst verliess.»
Meine Wahl
Foto: Aniela Lea Schafroth
Sägemehl oder Rasen?
Sägemehl. Der Schwingsport liegt mir am Herzen, auch wenn ich ab und an auf dem Rasen anzutreffen bin und mir einen Fussball-Match anschaue.
Bern oder Thun?
Thun. Dort bin ich aufgewachsen, dort bin ich zu Hause. Das ist meine Heimat. Der See, die Berge, diese besondere Kombination. Auch der Ort selbst, die Freunde und Kollegen. Man kommt hin und ist sofort im Idyll der Berge.
Währschafte Kost oder leichtes Essen?
Währschafte Kost. Im Sommer natürlich eher etwas Leichteres, aber grundsätzlich mag ich währschafte Küche. Mein Lieblingsgericht sind Älplermagronen. Mein Schwiegervater ist gelernter Koch und kocht ab und zu für uns zu Hause. Das ist grossartig.
ChatGPT oder selbst schreiben?
Ich habe eigentlich immer gerne geschrieben, schon im Gymnasium. Schreiben war immer eine meiner Stärken. Inzwischen komme ich aber auch auf den Geschmack von ChatGPT. Es unterstützt mich sehr.
Herausfordernde Strukturen
Der Sprung vom Casino zum ESAF ist riesig. Vom strukturierten und stark monetär getriebenen «kleinen» Casino wechselt sie zum «grossen», ehrenamtlich getragenen ESAF, das praktisch auf der grünen Wiese entsteht. In der Anfangsphase festangestellt oder auf Mandatsbasis tätig sind neben ihr nur der OK-Präsident Matthias Glarner, der Geschäftsführer Adrian Affolter sowie je eine Person für Fest, Marketing und Sponsoring. «An Adrian schätze ich besonders das Vertrauen, das er in mich hat, und den Freiraum, den er mir lässt.» Bei Matthias beeindrucke sie vor allem seine Ruhe. «Er erdet die Leute. Wenn er einen Raum betritt, wird es automatisch ruhiger.»
Neben den Kolleginnen und Kollegen im Alltag gibt es 23 Ehrenamtliche im Kern-OK, 140 Personen im Gesamt-OK sowie während des Fests rund 9000 Freiwillige. «Mit so vielen involvierten Personen bringt die Arbeit natürlich auch einiges an Herausforderungen mit sich. Besonders, weil nicht alle digital auf dem gleichen Stand sind», sagt Abt. «Wir haben Leute, die im Alltag täglich mit Teams und anderen Tools arbeiten, und andere, die noch mit Block und Bleistift unterwegs sind.
Ein weiterer Unterschied zur Privatwirtschaft: Druck funktioniere anders. «Früher im Casino konnte ich Fristen setzen und die Dinge wurden erledigt. Hier geht das so nicht. Alle haben noch einen Job, Familie und andere Verpflichtungen. Das habe ich am Anfang total unterschätzt. Da muss man die eigenen Erwartungen anpassen.» Neben dem Mix aus Ehrenamtlichen und Festangestellten war eine Herausforderung überhaupt zu starten. «Mit der Übernahme des Mandats haben wir im August 2024 praktisch bei null angefangen.» Zwar habe man Unterlagen und Erfahrungswerte von den Vorgängern im Glarnerland erhalten. «Aber andere Region, andere Ideen.»
So hätten sie etwa das Sponsoringkonzept komplett neu aufgesetzt. Rahel Abt selbst baut eine zentrale Ablage in Microsoft Teams auf, erstellt Accounts, organisiert Schulungen, entwickelt ein Organigramm und schafft Strukturen, zunächst mit einem Pensum von 40 Prozent. «Momentan arbeite ich mittwochs und donnerstags. Je näher das ESAF 2028 rückt, desto mehr werde ich aufstocken. In einem Jahr werden es 60 Prozent sein und wenn das Fest stattfindet vermutlich etwa 300 Stellenprozent», sagt sie und lacht.
Aufgaben und Vereinbarkeit
Im Alltag beschäftigt sie sich derzeit neben vielen organisatorischen Themen mit der Rekrutierung der zwölf Ehrendamen. Das sei aufwendig, aber auch sehr spannend. «Ohne grosse Kommunikation haben wir seit 2024 bereits über 60 Bewerbungen erhalten. Davon laden wir rund 20 Kandidatinnen für ein Gespräch ein.» Parallel dazu laufe die Planung des gesamten Festgeländes. «Wir sind auf dem Waffenplatz in Thun stationiert. Das bringt zusätzliche Komplexität, weil wir den Betrieb mit dem Militär koordinieren müssen.» Gleichzeitig entlaste sie die Ehrenamtlichen im Alltag. Dass sie sich trotz eines stark beruflich eingebundenen Mannes und zweieinhalbjähriger Zwillinge so flexibel auf das Abenteuer ESAF 2028 einlassen kann, verdankt sie der Unterstützung ihrer Familie. «Mein Mann und meine Eltern haben mich von Anfang an unglaublich unterstützt und gesagt, mach das, wir sind da, auch wenn es 2028 richtig intensiv wird.» Trotzdem bleibe es eine Herausforderung, die Balance zu halten.
«Das Dreieck aus ESAF, meiner Rolle als Mutter und mir selbst ist nicht immer einfach. Aber genau da helfen mir die Fähigkeiten aus dem Assistenzberuf. Organisieren, priorisieren, flexibel bleiben, das funktioniert auch privat.» So bleibt zwischendurch auch noch Zeit, um mit Freundinnen und Freunden einen Apéro zu trinken, «das mag ich unglaublich gern», oder Sport in der Outdoor-Fitnessgruppe zu machen.
Zukunftsaussichten
«Das Abenteuer ESAF hat einen klaren Anfang und ein klares Ende. Der Zeitraum ist vorgegeben, das gehört zu diesem Job dazu und macht das Arbeitsverhältnis auch speziell.» Sie habe sich das gut überlegt. «Im Casino war ich viereinhalb Jahre, hier werden es am Ende rund vier sein. Wenn man es nüchtern betrachtet, wechseln andere ihren Job nach einem Jahr.» Dass ihr Fokus neben dem Job auch stark auf ihren Kindern liegt, relativiere vieles. «Wenn sich danach nicht sofort etwas ergibt, ist das für mich kein Problem. Ich bin aber überzeugt, dass sich eine Tür öffnen wird.»
Inhaltlich würde es sie zurück zu ihren Wurzeln ziehen, der klassischen Assistenzrolle. «Wenn ich sehe, was die Assistenzen meines Mannes machen, merke ich, wie sehr mir das liegt.» Im Moment sei der Fokus aber klar gesetzt. «Für mich steht im Vordergrund, dass das ESAF 2028 erfolgreich über die Bühne geht und sich das mit meinem Familienleben vereinbaren lässt. Danach schaue ich weiter.»
Foto: Aniela Lea Schafroth
Rahel Abt
Rahel Abt kam 1989 auf die Welt und wuchs in Uetendorf bei Bern auf. Nach dem Gymnasium studierte sie drei Semester Betriebswirtschaft an der Universität Bern und arbeitete währenddessen unter anderem bei der AEK BANK 1826. Im Jahr 2010 begann sie eine kaufmännische Grundausbildung bei der Genossenschaft Migros Aare, die sie 2012 erfolgreich abschloss. Im Anschluss an ihre Ausbildung übernahm sie 2012 die Stelle als Assistentin Centerleiter im Shopping- und Erlebniscenter Westside bei der Genossenschaft Migros Aare. In den folgenden Jahren arbeitete sie sich dort bis zur Direktionsassistentin Leiter Direktionsbereich Einkaufscenter vor, eine Position, die sie bis 2019 innehatte.
2019 verliess sie die Migros und wechselte zur Grand Casino Kursaal Bern AG, wo sie als Assistentin CEO & Verwaltungsrat tätig war. 2023 wurde Rahel Abt Mutter. Kurz nach ihrer Rückkehr aus dem Mutterschaftsurlaub erhielt sie das Angebot, beim Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest ESAF 2028 als Leiterin Administration & Geschäftsstelle (Mitglied des Kern-OK) in einem Teilzeitpensum einzusteigen. Eine Aufgabe, der sie seither mit Engagement nachgeht. Rahel Abt ist verheiratet und Mutter von Zwillingen (Mara und Lenn).