Kleinunternehmen versus Grosskonzern

Karrierechance KMU

Die beliebtesten Arbeitgeber der Schweiz sind die Grossunternehmen. Entsprechend haben kleine und mittlere Unternehmen (KMU) Mühe, im stark umkämpften Fachkräftemarkt die passenden Talente zu finden. Zu Unrecht – denn die Kleinen haben Stärken, die den Grossen fehlen.

Supertanker sind Schiffe, die bis zu 400 Meter lang sein können und mit ihrer Fracht von mehreren hunderttausend Tonnen die Weltmeere durchkreuzen. Dabei sind sie nicht besonders schnell – etwa 40 km/h beträgt die Höchstgeschwindigkeit eines solchen Ozeanriesen. Und wehe, wenn die Dinger bremsen müssen: Sechs bis acht Kilometer legen sie zurück, bevor sie zum Stehen kommen. Sollte zudem so ein Schiff mal irgendwo feststecken, kann es eine Weile dauern, bis man es herausmanövriert hat – Die Ever Given lässt grüssen.

Ein Speedboat hingegen ist klein, wendig und schnell. Übertragen auf die Welt der Wirtschaft gibt es in der Schweiz etwa 600 000 davon; gemeint sind natürlich die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Mit ihrem Anteil an allen Firmen hierzulande von über 99 Prozent und mit zwei Dritteln aller Beschäftigten bilden sie das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft. Wer in einem KMU arbeitet, hat im Gegensatz zu einem Grossbetrieb oft einen besseren Überblick, kann Abläufe eher nachvollziehen und sieht die Zusammenhänge schneller. Als Einzelner hat man auch mehr Einfluss auf das Geschehen und verbrät weniger Zeit für unproduktive Tätigkeiten wie etwa für Koordinationsaufwände zwischen den Abteilungen, die in einem 50-Personen-Betrieb naturgemäss geringer ausfallen als in einem Unternehmen mit mehreren tausend Mitarbeitenden. Ausserdem ist der durchschnittliche KMU-ler näher an Produkt und Kunden dran als ein Angestellter in einem Grosskonzern und kann daher schneller auf Wünsche oder Veränderungen reagieren. Dazu kommen kurze Kommunikationswege und dass man einander kennt. Bei all diesen Vorteilen müsste es doch viel attraktiver sein, in einem KMU zu arbeiten statt auf einem langsam manövrierenden Supertanker. Oder?

Laut einer aktuellen KMU-Studie der Credit Suisse ist dem nicht so. Im Gegenteil, kleine und mittlere Unternehmen in der Schweiz haben grosse Mühe, die passenden Leute zu finden: Mehr als zwei Drittel der 800 für die Studie befragten KMU gaben an, bei der Rekrutierung bereits jetzt unter einem Fachkräftemangel zu leiden. Über 50 Prozent erwarten auch künftig Schwierigkeiten bei der Suche nach neuen Mitarbeitenden, zumal sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt weiter verschärfen wird und die HR-Abteilungen noch intensiver um die besten Talente kämpfen werden. Denn die geburtenstarken Jahrgänge, die Babyboomer, verabschieden sich allmählich in die Rente – das hinterlässt grosse Lücken auf dem Arbeitsmarkt. Auf der anderen Seite schreitet der technologische Wandel rasant voran; um mithalten zu können, braucht es gut ausgebildete Leute. Doch warum haben die Kleinen in der Rekrutierung mehr Mühe als die Grossen? Dafür gibt es verschiedene Gründe: So haben die grossen Firmen einen höheren Bekanntheitsgrad, sind finanzstärker und können mit höheren Löhnen werben. Andererseits sind die heutzutage besonders gefragten flexiblen Arbeitsbedingungen wie Homeoffice in vielen KMU kaum möglich: Gerade in Branchen wie Gesundheitswesen, Bau oder Gastronomie, die besonders stark unter dem Fachkräftemangel leiden, ist Remote Work aus verständlichen Gründen nur im Backoffice eine Option.

77% der befragten KMU investieren in die Weiterentwicklung der eigenen Leute.

Doch auch ein wendiges Speedboat braucht eine gute Crew, damit es nicht zum Stehen kommt. Was tun also KMU, um manövrierfähig zu bleiben? Die Antwort auf den Mangel lautet: Weiterbildung. So investieren 77 Prozent der in der Credit-Suisse-Studie befragten Unternehmen in die Weiterentwicklung der eigenen Leute. Damit sollen nicht nur die Fähigkeiten, sondern auch die Mitarbeiterbindung erhöht werden, damit die Leute den Unternehmen möglichst lange erhalten bleiben und ihr Fachwissen zum Wohl der Firma einsetzen. Allerdings: Es fehlt nicht nur fachtechnisches Know-how. Kleine und mittlere Firmen suchen auch händeringend nach Führungs- und Projektmanagementkompetenzen. Soft Skills wie analytisches Denken und Innovation, aktives Lernen und Lernstrategien sowie komplexes Problemlöseverhalten werden ebenfalls immer wichtiger. Laut Credit-Suisse-Studie dürften diese «weichen» Faktoren in einer zunehmend automatisierten Umgebung an Bedeutung gewinnen. Hier wünschen sich die KMU ein aktiveres Engagement der Bildungsinstitutionen.

Fazit: Sollten Sie sich karrieretechnisch verändern wollen, kann es sich lohnen, die KMU auf dem Radar zu haben. Denn dort können Sie etwas bewegen und vor allem Ihr ganzes Können und Wissen einsetzen. Wenn Sie also den einen oder anderen Soft Skill mitbringen, vielleicht sogar den zukünftigen Assistenz-Top-Skill Projektmanagement: Warum nicht einem KMU eine Chance geben?

Kleine und mittlere Unternehmen

99,7% aller Unternehmen in der Schweiz sind KMU.

0,3% aller Unternehmen in der Schweiz sind Grossunternehmen.

KMU beschäftigen zwei Drittel aller Arbeitnehmenden in der Schweiz (67,1 %).

Überblick über Anzahl der Unternehmen in der Schweiz inklusive beschäftigter Mitarbeitender:

601 392 marktwirtschaftliche Unternehmen in der Schweiz beschäftigen total 4 570 670 Mitarbeitende. Die Unternehmensstrukturen in Zahlen präsentieren sich wie folgt:

∙ 1 bis 9 Beschäftigte (Mikrounternehmen): 539 604 (89,7%) – MA: 1 168 809 (25,6%)

∙ 10–49 Beschäftigte (kleine Unternehmen): 50 758 (8,4%) – MA: 979 464 (21,4%)

∙ 50–249 Beschäftigte (mittlere Unternehmen): 9324 (1,6%) – MA: 920 856 (20,1%)

∙ 250+ Beschäftigte (Grossunternehmen): 1706 (0,3%) – MA: 1 501 541 (32,9%)

Quelle: https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/industrie-dienstleistungen/unternehmen-beschaeftigte/wirtschaftsstruktur-unternehmen/kmu.html

«KMU spüren den Fachkräftemangel stärker»

KMU haben es schwer, passende Mitarbeitende zu rekrutieren. Was können sie tun, um für Fachkräfte attraktiver zu werden? Diese und andere Fragen haben wir Valentin Vogt, dem Präsidenten des Schweizerischen Arbeitgeberverbands, gestellt.

 

Gerade wurde am HR-Festival Europe der Gewinner des diesjährigen Randstad Awards gekürt: Rolex, ein Grossunternehmen, ist attraktivster Arbeitgeber der Schweiz, gefolgt von Lindt & Sprüngli und Google. Warum ist kein KMU unter den Gewinnern? Sind bei den Grossen die Jobs sicherer oder die Aufstiegschancen besser?

Es gibt sehr viele Auszeichnungen mit unterschiedlichen Kriterien. Die Randstad Awards gewichten die Bekanntheit eines Unternehmens sehr stark. Das erschwert den KMU den Eingang in die Kandidatenliste. Es gibt aber auch andere Awards, die ganz bewusst die wichtige Rolle der KMU als Arbeitgeber in der Schweiz honorieren. So engagiert sich der Schweizerische Arbeitgeberverband beim Swiss Arbeitgeber Award, der jedes Jahr auch KMU auszeichnet.

KMU sind stärker vom Fachkräftemangel betroffen als Grossunternehmen. Was können KMU tun, um in Sachen Arbeitgeberattraktivität mitzuhalten?

KMU sind mehr auf den inländischen Arbeitsmarkt ausgerichtet und verfügen für ausländische Arbeitnehmende nicht unbedingt über vergleichbare Bedingungen wie ein Grossunternehmen. Deshalb spüren sie den Fachkräftemangel stärker. Wichtig ist deshalb besonders für KMU, das Inländerpotenzial jetzt erst recht auszuschöpfen: Dazu gehören gute Ausbildung von Lernenden, Weiterbildung, der Erhalt von Expertenwissen, beispielsweise durch die Weiterbeschäftigung älterer Arbeitnehmender, und gute Arbeitsbedingungen – Letztere vermehrt auch punkto Flexibilisierung, gerade für Frauen mit Kindern, die öfter Teilzeit arbeiten als Männer.

Was halten Sie von neuen flexiblen Arbeitsmodellen wie Remote Work oder der 4-Tage-Woche? Sollten die KMU den Arbeitnehmenden hier stärker entgegenkommen?

Dies kann nur teilweise bejaht werden. Sicher hat gerade die Corona-Pandemie die Flexibilisierung und gewisse neue Arbeitsformen beschleunigt. Flexible Arbeitszeiten zum Beispiel, die sich stärker den Veränderungen der Gesellschaft anpassen, müssen auch von KMU vermehrt berücksichtigt werden, damit sie als Arbeitgeber attraktiv bleiben. Remote Work, wozu auch Homeoffice gehört, hat sicher an Bedeutung gewonnen – allerdings kommt die Umsetzbarkeit sehr auf die Branche an. Handwerkliche oder auch technische Berufe sowie stark kundenorientierte Branchen können nur bedingt oder gar nicht ausserhalb des Arbeitsplatzes arbeiten. Was die 4-Tage-Woche betrifft, so birgt sie verschiedene Herausforderungen – zum Beispiel die zusätzliche Leistungssteigerung zur Kompensation des fünften Tages. Dies ist in einer wettbewerbsintensiven Wirtschaft nur in Ausnahmefällen möglich. Die Schweiz ist auch dank einer hochproduktiven, stark diversifizierten Wirtschaft erfolgreich. Der hohe Teilzeitanteil in der Schweiz ermöglicht zudem genügend individuelle Arbeits- und Freizeitgestaltung.

In welche Fähigkeiten sollten KMU oder auch deren Mitarbeitende investieren?

Digitalisierung und Automatisierung verlangen sicherlich zusätzliche Kompetenzen und Agilität im Umgang mit neuen Technologien. Sehr wichtig sind auch die sogenannten Soft Skills, wie zum Beispiel Sozialkompetenz, die sich in der schnell wandelnden Arbeitswelt als umso wichtiger erweisen. Um mit den Veränderungen und neuen Entwicklungen mithalten zu können, braucht es auch Offenheit für Neues, Neugierde und Kreativität. Gerade in Zeiten von Fachkräftemangel erscheint es mir auch wichtig, dass Arbeitgeber das Potenzial ihrer Mitarbeitenden erkennen, um so auch die passende Weiterbildung zu ermöglichen.

Der Arbeitgeberverband selbst ist auch eine Art KMU. Daher die Frage an Sie: Haben Sie eine Assistentin? Von welchen Aufgaben lassen Sie sich von ihr entlasten?

Ich habe einerseits die Unterstützung der Geschäftsstelle des Verbands, die mich als Präsidenten des Verbands bei der Kommunikation und den Medien, für fachliche Briefings oder für die Teilnahme in den Verbandsorganen unterstützt. Andererseits habe ich eine Teilzeitassistentin, die mich bei meinen Verpflichtungen generell, auch ausserhalb des Verbands, unterstützt. Meine Assistentin hat übrigens ein interessantes Geschäftsmodell. Sie ist selbstständig und bietet Administration auf Zeit an. Das heisst, sie hat mehrere Kunden, bei denen sie ihre Dienstleistungen, flexibel je nach Arbeitsanfall, anbietet und auch entsprechend abrechnet. Dieses Geschäftsmodell ist für meine Assistentin und mich eine Win-win-Situation.

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Jelena Martinelli ist selbstständige Texterin bei martinellitext. Sie schreibt leidenschaftlich gerne Blogs und Publireportagen und auch sonst alles, was mit Online-Marketing zu tun hat.

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