Porträt

«Ich versuche, immer einen Schritt voraus zu sein»

Die SBB gehören zu den grössten Unternehmen des Landes und beschäftigen mehr als 33 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Eine davon ist Rebecca Schnegg. Sie ist seit fünf Jahren die Assistentin von CEO Andreas Meyer und damit eine der höchsten Assistentinnen der Schweiz – auch wenn sie das selber so nicht sagen würde. 

Pendler, die Rebecca Schnegg jeweils morgens im Zug sehen, dürften ein verzerrtes Bild von ihr haben. Wer sie nicht kennt, könnte sie als geordneten Routinemenschen mit wenig Hang zu Veränderungen wahrnehmen. Seit fünf Jahren sitzt sie jeden Tag um die gleiche Zeit im gleichen Zug, immer mit einem Red Bull und einem Milka Tender auf dem Tischchen vor ihr. «Da bin ich grausam bünzlig», lacht Schnegg, die so gar keinen spiessigen Eindruck macht. Die schwarzen Haare sind millimeterkurz geschnitten, das Gesicht dezent geschminkt, die Haltung mit Kleid und hochgeschnittenen Stiefeln selbstbewusst. Sie reist jeden Morgen von Olten nach Bern Wankdorf an den Hauptsitz der SBB, wo sie als Assis-tentin von CEO Andreas Meyer arbeitet. Routine hat sie im Berufsalltag sozusagen keine, und Änderungen in der Tagesplanung sind die Regel, nicht die Ausnahme.

Mit über 33 000 Angestellten zählen die SBB zu den grössten Unternehmen der Schweiz. Rebecca Schnegg gehört damit als CEO-Assistentin zu den höchsten ihres Berufstandes. Sie winkt ab. «So würde ich das nicht sagen. Ich habe zwar Einblick ins Unternehmen, mein Tätigkeitsfeld beschränkt sich im Gegensatz zu dem von anderen Assistentinnen aber hauptsächlich auf administrative Arbeiten.» Ihre Aufgabe ist es, den Tag von Andreas Meyer so zu organisieren, dass er möglichst reibungslos arbeiten kann. Seine Termine zu jonglieren, seine Mailbox zu bewirtschaften und alles so zu arrangieren, dass er zu jeder Zeit das hat, was er braucht. Das sind manchmal wichtige Unterlagen, manchmal ist es ein dringendes Treffen und ganz selten auch einfach ein Kaffee. Inhaltliche Themen werden von ihren Stabskollegen aufbereitet. Schnegg gehört einem Team von vier Mitarbeitenden an, zu dem der Stabschef, ein Stabsmitarbeiter sowie eine zweite Assistentin zählen. Ihr direkter Vorgesetzter ist nicht CEO Andreas Meyer sondern der Stabschef.

«Andreas Meyer ist immer in Bewegung und hat unglaublich viele Ideen, die es umzusetzen gilt.»

Ich musste in die Rolle hineinwachsen

Auch wenn Andreas Meyer nicht ihr direkter Vorgesetzter ist, richtet die Assistentin doch einen grossen Teil ihres Lebens nach ihm. «Der Job ist intensiv und ich gebe viel von meinem Privatleben dafür auf. Aber ich habe das so gewollt. Nach der Weiterbildung zur Direktionsassistentin war es mein Ziel, CEO-Assistentin in einem grossen Unternehmen zu sein.» Die Tage beginnen früh und enden oft spät. «Auch darum, weil ich mich gerne kurz persönlich mit ihm abspreche und er oft den ganzen Tag unterwegs ist.» Der Lohn dafür ist die Abwechslung, das hohe Tempo und der Umstand, dass kein Tag dem anderen gleicht. Nichts ist für Schnegg schlimmer als die Vorstellung, in einem Büro zu sitzen und zu warten, wie die Zeit vergeht. «Andreas Meyer ist immer in Bewegung und hat unglaublich viele Ideen, die es umzusetzen gilt. Langweilig wird es mir nie. Dieser Drive liegt mir.»

Auch wenn Meyer im Büro ist, gibt es viel zu tun. «Ich tippe im Hintergrund auf die Uhr, um ihn an den nächsten Termin zu erinnern, schaue, dass er für jedes Meeting alle Unterlagen hat und erinnere ihn an offene Pendenzen, die es noch zu erledigen gilt», so Schnegg. «Ich musste in diese Rolle hineinwachsen, musste lernen wie er ‹tickt›. Heute kann ich sagen, dass wir Hand in Hand arbeiten und es ‹fägt›. Ich versuche stets vorauszudenken, bereits einen Schritt weiter zu sein als er, damit er sich um das ganze administrative Drumherum möglichst keine Gedanken machen muss.»

Ausser Dienst

Dafür habe ich Mut gebraucht: Ich breche immer wieder alleine zu Reisen auf. 2018 war ich sechs Wochen in Südamerika unterwegs. Oft klappt nicht immer alles so, wie man es sich vorstellt. Da braucht es teilweise Mut, sich nicht unterkriegen zu lassen. Aber man wird mit unvergesslichen Erinnerungen belohnt.
Das würde ich gerne lernen: Ich bewundere die Arbeit der Spitalclowns der Stiftung Theodora. Die ­Aufnahmekriterien sind aber sehr streng. Das bleibt ein Traum.
Das kann ich nicht gut: Kochen.  
Diese Person würde ich gerne zu einem Essen ­treffen: Keine Stars aber Freunde, die aufgrund des Jobs teilweise zu kurz kommen.
Wer bringt mich zum Lachen: Meine Nichte. 

 

What’s next?

Auftanken kann Rebecca Schnegg bei ihren Eltern, wo sie auch ihre beiden Schwestern mit deren Familien häufig antrifft. Sie haben Verständnis für das hohe Engagement der Ältesten. Eine von Schneggs Schwestern war ebenfalls CEO-Assistentin bei einem grossen Schweizer Unternehmen. Gibt es da etwa ein Assistenz-Gen in der Familie? «Das nicht», sagt Schnegg, «aber sicher eines für eine hohe Identifikation mit der Arbeit. Unser Vater hat auch immer sehr viel gearbeitet. Das Bild eines 9-to-5-Jobs haben wir nie kennengelernt.» Und trotzdem: Als ihr Vater im vergangenen Jahr ernsthaft erkrankt, kamen Bedenken auf. «Da wird einem wirklich bewusst, dass ein Pensum wie meines nur möglich ist, wenn das Umfeld stimmt.»

Auch im Job, betont Schnegg, seien äussere Faktoren oft entscheidend für das Gelingen. «Als Assistentin auf dieser Stufe ist man immer auch auf andere angewiesen.» Sie staune immer wieder, was alles möglich sei, wenn die Zusammenarbeit stimme. Ein Highlight in ihrer Zeit bei den SBB war die Eröffnung des Gotthard-Basistunnels. «Das Programm von Andreas Meyer war minutengenau getaktet», erzählt Schnegg. Auch ans Locarno Festival und an den Digitaltag in Zürich hat die Assistentin den CEO bereits begleitet. «Es ist ein Highlight meines Jobs, so nahe am Puls zu sein und auf höchster Ebene mitwirken zu dürfen.»

Zudem hat Rebecca Schnegg durch die Verbindung der SBB zum Bund in den vergangenen Jahren viel gelernt. «Ich verstehe heute besser, wie politische Abläufe und Prozesse funktionieren.» Mehr noch: Sie fände es spannend, Assistentin eines Bundesrates zu sein. «Das ist eine Herausforderung an meiner jetzigen Stelle», lacht sie, «die Frage: what’s next?». Als vorausschauende Organisatorin macht sie sich nach fünf Jahren auch über die eigene Zukunft Gedanken. «In der Schweiz ist die Stelle als CEO-Assistentin bei den SBB für mich kaum zu übertreffen. Eine Stelle in einem international tätigen Konzern würde mich reizen, oder ein Abstecher ins Ausland.» Noch sei das aber kein Thema. 2020 steht die Eröffnung des Ceneri-Basistunnels an – ein weiterer Meilenstein in der Geschichte der SBB – und da hofft Schnegg, Andreas Meyer als Assistentin wieder begleiten zu dürfen.   

Zur Person

Rebecca Schnegg ist mit zwei jüngeren Schwestern in Aarburg im Kanton Aargau aufgewachsen. Nach dem KV bei der Baloise Bank SoBa in Olten hat sie in unterschiedlichen Funktionen für das Unternehmen weitergearbeitet. Unter anderem war sie am Schalter und als Assistentin in der Anlageberatung tätig. Als die Bank eine neue Niederlassung in Zürich eröffnete, gehörte sie als Assistentin des Niederlassungsleiters zum Kernteam und begleitete den Aufbau mit. Sie absolvierte eine Weiterbildung zur Finanzplanerin mit eidgenössischem Fachausweis und später zur Direktionsassistentin mit eidgenössischem Fachausweis. Nach 15 Jahren verliess sie die Bank und bewarb sich auf eine Stellenanzeige bei den SBB. Seit fünf Jahren ist sie Assistentin von SBB CEO Andreas Meyer. Rebecca Schnegg ist 35 Jahre alt und wohnt in Aarburg. 

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