Work & Health

Ausgebrannt

Burnout ist nach wie vor ein Tabuthema. Dabei klagt gemäss aktuellem Job-Stress-Index der Schweiz fast ein Drittel der Erwerbstätigen über emotionale Erschöpfung. Auch Assistentinnen und Assistenten – eine von ihnen hat uns ihre Geschichte erzählt. Doch was ist ein Burnout und was kann man dagegen tun? Auch da haben wir nachgefragt.

 

Annas Geschichte

Wer Anna* heute sieht, würde niemals denken, dass sie vor kaum drei Jahren einen Zusammenbruch hatte. Die 44-Jährige wirkt fröhlich, positiv, optimistisch – wie eine Frau, die das Leben in vollen Zügen geniesst. Die zierliche Schönheit wirkt ganz und gar nicht so, als habe sie sich wegen eines Jobs an den Rand der Selbstzerstörung gebracht, als habe sie ausgebrannt und am Ende ihrer Kräfte in einer psychiatrischen Klinik wieder auf die Beine kommen müssen. Und doch: Anna hatte ein Burnout. Genauer gesagt: eine Erschöpfungsdepression, eine gefährliche Krankheit, weshalb sie heute noch Medikamente nimmt.

«Gottseidank geht es mir heute wieder gut», sagt sie. «Doch es war knapp.» Von ihrer Geschichte weiss ihr Arbeitgeber allerdings bis heute nichts und sie möchte, dass das so bleibt.

Vor etwa fünf Jahren macht Anna einen Karrieresprung – sie wird Assistentin der Geschäftsleitung. Bis dahin ist sie einfaches Teammitglied, «eine von vielen irgendwo in den unteren Rängen», wie sie sagt. Doch seit sie in den Boardmeetings dabei ist, kennt man ihren Namen, hat Respekt. Ihr Chef, intelligent und charismatisch, fordert sie: «Ich bekam Aufgaben, die über die Assistenztätigkeit hinausgingen.» Die Verantwortung und die Dynamik wirken stimulierend auf Anna; sie geniesst es, einen Job mit Bedeutung zu haben. «Das hat mich gepusht.» Der Chef merkt schnell, wie Anna tickt – und dass er für ein charmantes Dankeschön viel zurückbekommt. «Ich habe immer mehr für ihn getan.» Es fällt ihr kaum auf, dass es von der Ausnahme zur Regel wird, dass sie bis spät in die Nacht arbeitet. Als jemand ausfällt und nicht ersetzt wird, arbeitet sie auch an den Wochenenden. Ihre Überstunden schiessen ins Unermessliche; deshalb badgt sie immer öfter aus und arbeitet in der Freizeit weiter. Irgendwann nimmt sie nur noch Ferien, weil sie muss – doch anstatt sich in der Sonne zu erholen, sitzt sie im fahlen Schein des Laptopbildschirms und arbeitet. «Ich habe das freiwillig gemacht», sagt Anna. «Die Arbeit war wie ein Adrenalinkick.» Mit der Zeit bemerkt sie Veränderungen: So kann sie nachts nicht mehr schlafen. «Vom Zeitpunkt des Zubettgehens bis zum Klingeln des Weckers lag ich wach und überlegte: Was muss ich alles noch erledigen? Das Gedankenkarussell hat gedreht, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte.» Auch tagsüber schafft sie es nicht mehr, für ein paar Minuten nichts zu tun. «Zum Teil bin ich einfach von einem Zimmer ins andere gelaufen, wie unter Strom.» Doch obwohl Annas Körper keine Ruhe mehr findet, ist sie trotzdem extrem produktiv, sagt sie. «Es war wie ein Rausch.»

«Ich hielt meine Verwirrung für eine witzige Geschichte, doch ein Freund fand es überhaupt nicht zum Lachen.»

Zweieinhalb Jahre dauert Annas Leben auf der Überholspur. Dann gerät der Motor ins Stottern. Es unterlaufen ihr grosse Fehler im Geschäft. Zu Hause muss sie beim Kochen und Putzen angestrengt über Handgriffe nachdenken, die früher automatisch gegangen sind. Eines Tages steht sie vor der Tanksäule und weiss nicht mehr, welches Benzin sie tanken muss. «Ich musste das Benzin googeln, obwohl ich seit 20 Jahren nichts anderes tanke als Bleifrei 95. Ich hielt meine Verwirrung für eine witzige Geschichte und erzählte sie einem Freund. Doch er fand es überhaupt nicht zum Lachen. Er drängte mich, einen Arzt zu konsultieren. Zum Glück.»

Ab da geht alles schnell: Der Psychiater, den Anna konsultiert, will sie in eine Klinik einweisen. Am liebsten sofort. Anna ist geschockt. «Für mich war meine Welt ja nicht schlimm. Ich dachte, das sei normal. Und plötzlich sagt dir jemand, dass du reif bist für die Psychiatrie.» Aber der Psychiater habe sofort gesehen, in welchem Zustand sie gewesen sei: «Ich war schon immer sehr schlank. Aber damals … Alles, was einen von der Arbeit abhalten könnte, hält man für Zeitverschwendung – essen, schlafen, duschen; alles, was man als gesunder Mensch normalerweise tut.»

Doch ihrem Arbeitgeber kann und will sie nicht sagen, was los ist. «Was, wenn ich als nicht belastbar abgestempelt werde? Würde mir bei der nächsten Restrukturierung die Entlassung drohen?» Also erzählt sie, dass sie Überstunden abbauen und einen Monat Ferien nehmen möchte. Ihr Antrag wird problemlos bewilligt. «Ich bin mit allerletzter Kraft in diese Klinik eingerückt», sagt Anna. «Heute weiss ich: Das war meine Rettung.» Dank der Therapien lernt sie, wieder im Hier und Jetzt zu sein, das Gedankenkarussell zu kontrollieren. «Dieser Monat in der Klinik war der beste Monat seit Jahren.»

Mittlerweile ist Anna zurück an ihrem alten Arbeitsort. Ihr ehemaliger Chef ist zum Glück nicht mehr da. Heute achtet sie darauf, beizeiten Schluss zu machen. Es würde ihr auch nie wieder einfallen, auf ihr Morgen­yoga oder die Meditationsübungen zu verzichten, nur um damit ein paar Minuten für die Arbeit einzusparen. Ihr Wunsch: «Ich hätte nie geglaubt, dass Burnout auch mich treffen könnte. Wenn sich Leute in meiner Geschichte wiedererkennen, holen sie sich hoffentlich schneller Hilfe als ich. Kein Job ist ein solches Martyrium wert.»

* Name geändert

Burnout

Ursachen und Prävention

«Psychische Erkrankungen sind noch immer vorurteilsbehaftet», sagt Dr. Niklas Baer, Psychologe und Leiter von Workmed, einem arbeitspsychiatrischen Start-up der Psychiatrie Baselland. «Wenn ich ein körperliches Problem habe, melde ich das und bekomme einen höhenverstellbaren Schreibtisch. Psychische Erkrankungen hingegen werden tabuisiert. Dabei sollte man gerade diese möglichst frühzeitig ansprechen.» Wir haben mit Dr. Baer und seiner Kollegin Cécile Kirchgraber, Psychologin bei Workmed, über Burnout-Ursachen und Prävention gesprochen.

Was ist ein Burnout?

Cécile Kirchgraber: Burnout ist kein fest definierter Begriff. Aber grob gesagt kann man es an den folgenden drei Kriterien festmachen: Zum einen fühlt man eine umfängliche geistige, emotionale und körperliche Erschöpfung, wobei man vor allem das Gefühl hat, sich nicht mehr vollständig erholen zu können – egal, ob man ein Wochenende mit der Familie hatte oder in den Ferien war. Man ist chronisch ausgelaugt. Ein weiteres Zeichen ist, wenn man gleichgültig oder sogar negativ und zynisch gegenüber der Arbeit wird. Das dritte Kriterium schliesslich merken die meisten am ehesten: Dinge, die einem früher leicht gefallen sind, gehen einem nur noch schwer von der Hand. Man hat Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, macht Flüchtigkeitsfehler. Man verliert den Überblick, die Dinge scheinen einem zu entgleiten.

Was sind Alarmzeichen, wann sollte man reagieren?

Cécile Kirchgraber: Ein Alarmzeichen ist, wenn der Workload hoch ist, in absehbarer Zeit auch nicht abnehmen wird und ich mich deswegen ständig erschöpft fühle oder nicht mehr herunterkomme. Wenn ich häufig Arbeit mit nach Hause nehme und mein Privatleben, meine Hobbys oder generell Dinge, die mir guttun, dadurch immer mehr eingeschränkt werden.

Wann sollte man sich spätestens Hilfe suchen? Nach zwei Wochen? Nach einem halben Jahr?

Cécile Kirchgraber: Ein halbes Jahr ist aus psychologischer Sicht sehr lange. Die Gefahr ist gross, dass man in eine Depression rutscht.

Dr. Niklas Baer: Ich würde es nicht an einem Zeitpunkt festmachen, sondern am Gefühl. Wenn einem zum Beispiel schon beim Gedanken an die Arbeit übel wird oder einem auch zu Hause alles zu viel ist, dann sollte man nicht länger zögern. Auch der Workload ist nicht immer ausschlaggebend, denn viel Arbeit alleine macht noch kein Burnout. Ausschlaggebend ist, wie man die Situation erlebt. Ausserdem: Die Symptome, die man bei einem Burnout hat, können auf eine andere Erkrankung hinweisen, zum Beispiel eine Depression.

Wie kann man sich gegen ein Burnout schützen? Gibt es Möglichkeiten zur Prävention?

Cécile Kirchgraber: Ganz wichtig ist, frühzeitig darüber zu sprechen. Dass man es sagt, wenn es einem zu viel wird. Das setzt natürlich zwei Dinge voraus: Dass man es sich einerseits zutraut, das Problem anzusprechen, und auf der anderen Seite sollte man das Gefühl vermittelt bekommen, es ansprechen zu dürfen. Dann sollte man möglichst rasch mit dem Vorgesetzen oder HR konkrete Lösungen diskutieren, wie zum Beispiel das Delegieren, Priorisieren, Einlegen von Pausen und so weiter.

Dr. Niklas Baer: Es ist wirklich wichtig, sich nicht erst dann zu melden, wenn man schon völlig verzweifelt ist. Das heisst, nicht erst, wenn man bereits total frustriert ist, sondern wenn man noch die innere Distanz hat und das Problem lösungsorientiert angehen kann.

Was kann auf der anderen Seite der Arbeitgeber tun?

Dr. Niklas Baer: Der Chef oder die Chefin sollte das Problem natürlich ernst nehmen. Aber auch von sich aus mal fragen, du, wie geht es dir. Es gehört ein gewisser Mut dazu, den Mitarbeitenden auf seine psychische Verfassung anzusprechen. Auf keinen Fall sollte man bagatellisieren oder beschönigen. Es kann auch helfen, eine externe Stelle beizuziehen, beispielsweise die Krankentaggeldversicherung oder die IV. Wichtig ist auch, dass sich der oder die Betroffene in Behandlung begibt und dass man sich dann zusammen mit dem Arzt oder dem Therapeuten und dem Vorgesetzten auch mal zu dritt austauscht, und zwar lösungsorientiert, ohne Diagnose, sondern: Was ist das konkrete Arbeitsproblem, was wären konkrete Lösungen? Dazu braucht es eine entsprechende Betriebskultur.

Wie sieht eine solche Betriebskultur aus?

Dr. Niklas Baer: Wenn der Betrieb sagt und das auch vorlebt: Psychische Probleme gehören zum Leben, wir akzeptieren das und wir sprechen lösungsorientiert darüber. In einem wirklich gesundheitsfördernden Klima dürfen Probleme sein. Schwierig ist es in Unternehmen, wo alle immer super drauf sein müssen, immer fröhlich und voller Tatendrang. Was ja in der Realität nicht so ist. Leider sind wir in vielen Betrieben noch nicht so weit, psychische Probleme zu akzeptieren und konstruktiv mit ihnen umzugehen.

 

Workmed

Workmed ist ein internes Start-up der Psychiatrie Baselland und beschäftigt sich mit psychisch bedingten Problemen am Arbeitsplatz. Die Fachleute von Workmed beraten, begleiten und unterstützen Betroffene und Arbeitgeber mit Abklärungen für Versicherungen und Behörden. Workmed ­entwickelt auch Unterstützungstools, die Betroffene befähigen, angemessen mit psychisch auffälligen und belas­teten Kolleginnen und Kollegen am Arbeitsplatz umzugehen.

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Jelena Martinelli ist selbstständige Texterin bei martinellitext. Sie schreibt leidenschaftlich gerne Blogs und Publireportagen und auch sonst alles, was mit Online-Marketing zu tun hat.

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