Ethik in Unternehmen

Die Wirtschaft ist für den Menschen da

Ist der Mensch für die Wirtschaft da oder die Wirtschaft für den Menschen? Wie ethisch in einem Unternehmen gehandelt wird, steht und fällt also mit den Mitarbeitern. Jeder einzelne kann dazu seinen Beitrag leisten.

Fairness, Empathie, Respekt: Das sind Schlagworte, die einem in den Sinn kommen, wenn von Ethik die Rede ist. «Es gibt so etwas wie universelle ethische Werte, die uns Menschen in allen Kulturen leiten», glaubt Eva Häuselmann, Geschäftsführerin der despite gmbh. Diese Werte drücken aus, wie wir miteinander umgehen sollten. Sie sollten obendrein regeln, wie sich Unternehmen gegenüber ihrer Umwelt, ihren Mitarbeitern und ihren Kunden verhalten.

Eva Häuselmann hat das Thema Ethik zu ihrem Steckenpferd gemacht. Sie sieht es als ihre Aufgabe, Unternehmen dabei zu unterstützen, ethische Risiken zu mindern – jene Risiken also, die entstehen, wenn die oben genannten Werte verletzt werden. Wie das geht? Über die Personalauswahl. Häuselmann hilft Unternehmen, solche Mitarbeiter auszuwählen, für die ethisches Verhalten kein Fremdwort ist. «Oft wird bei der Personalauswahl vor allem auf die Management-Kompetenzen geschaut. Doch das reicht heute nicht mehr. In unseren Assessments legen wir Wert auf moralische Intelligenz, auf Glaubwürdigkeit und Integrität.»

Die richtige Wortwahl

Ihre Kunden landen leider oft erst dann bei ihr, wenn das sprichwörtliche Kind schon in den Brunnen gefallen ist und das Unternehmen wegen eines Skandals oder zumindest Skandälchens in den Schlagzeilen ist. Erst dadurch aufgerüttelt, fangen sie an, sich Gedanken zu machen, wie solche Schäden künftig abgewendet werden können.

Für ihre Arbeit ist Häuselmann mit ihrer Firma despite gmbh für den Swiss Ethics Award 2016 nominiert. Eine grosse Auszeichnung: Noch vor fünf Jahren, so Häuselmann, sei sie von vielen belächelt worden. « Wie willst Du mit Ethik Geld verdienen?», sei sie oft gefragt worden. «Um zu zeigen, dass das sehr wohl geht, brauchte ich einen kraftvollen Namen.» Zum Trotz kam sie sozusagen auf den Namen «despite».

Doch wovon ist überhaupt die Rede, wenn wir von Ethik reden? «Ich vermeide die Worte Ethik oder gar Moral gegenüber Unternehmen am liebsten. Das eine klingt so theoretisch, das andere so altmodisch.» Am liebsten rede sie von unternehmerischer Verantwortung, erklärt Häuselmann. «Mit diesem Begriff können die meisten etwas anfangen. Denn Unternehmen denken nicht, sie handeln.»

Einfacher lässt sich definieren, was unethisches Verhalten ist: «Alles, was gegen Fairness und Respekt verstösst, was Menschen instrumentalisiert, sie unter Druck setzt und ihre Gesundheit aufs Spiel setzt», erklärt Häuselmann. Es geht dabei nicht nur um die eigenen Mitarbeiter, sondern auch um Arbeitnehmer in den Produktionsländern.

Unter Beobachtung

Doch wenn es so etwas wie universelle ethische Werte gibt, über die wir uns mehr oder weniger einig sind: Warum kommt es überhaupt zu unethischem Verhalten? Warum tappen Unternehmen in die Falle unethischen Wirtschaftens?

«Das kann an den falschen Anreizen oder den falschen Strukturen liegen. Wenn ein Team einen Bonus für hohen Umsatz bekommt, nimmt der Anreiz, den Kunden gut zu beraten, unter Umständen ab», weiss Markus Huppenbauer, Professor für Ethik an der Universität Zürich. Dass die Wirtschaft so transnational sei, sorge ebenfalls für Probleme, mit denen sich Unternehmen auseinandersetzen müssten: «In der Schweiz gelten gewisse Standards und Gesetze, die manchmal über das hinausgehen, was in anderen Ländern gilt. Nun könnten Unternehmen versucht sein, die Bedingungen in rechtlich weniger entwickelten Ländern zu ihren Gunsten auszunutzen und sich lediglich an die Gesetze halten, die dort gelten», weiss der Experte. Natürlich könnten Unternehmen nicht alle hiesigen Standards überall gleichermassen umsetzen. Ein deutsches Unternehmen könne in Bangladesch auch keinen deutschen Mindestlohn zahlen. «Aber die Unternehmen stehen unter Beobachtung und es wird wahrgenommen, ob sie im Ausland fair spielen oder nicht. In der Textilbranche beispielsweise hat sich durch den öffentlichen Druck diesbezüglich einiges getan», so Huppenbauer.

Sachzwänge? Ausreden!

Werden Unternehmen ihrer Verantwortung nicht gerecht, wird das gern mit Sachzwängen erklärt. Der Vorstellung, Unternehmen seien nun einmal vor allem dazu gezwungen, ihren Gewinn zu maximieren, widerspricht Eva Häuselmann jedoch vehement: «Grenzenlose Profitmaximierung ist kein Naturgesetz. Wir gestalten die Wirtschaft. Sie ist letztlich für den Menschen da und nicht umgekehrt; auch wenn das in der Realität oft anders aussieht», meint die Expertin. Was im Moment oft noch fehle, sei der Mut, das übermässige Gewinnstreben zu hinterfragen. «Wer das trotzdem tut und nach anderen Lösungen verlangt, wird oft als naiv angesehen.»

Vielleicht wird dann auch argumentiert, dass sich Ethik nicht lohnt. Tatsächlich ist es aktuellen Studien zufolge unklar, ob Ethik wirtschaftlichen Erfolg bringt. «Aber das ist auch gar nicht unbedingt die Frage. Wir müssen so wirtschaften, dass auch spätere Generationen eine Lebensgrundlage haben», so die Expertin.

Mut schöpft sie aus den aktuellen Entwicklungen: «Das Thema liegt in der Luft.» Der Homo oeconomicus, jenes Menschenbild also, das der Theorie zufolge ausschliesslich seinen Nutzen maximieren will, werde immer mehr demontiert. «Viele junge Menschen wollen heute in Firmen arbeiten, die sich ethisch verhalten. Sie wollen Sinn in ihrer Arbeit finden. So entsteht Druck auf die Unternehmen, denn die sind auf Nachwuchs angewiesen.»

Regeln allein reichen nicht

Dieser Nachwuchs allerdings muss in der Lage sein, unternehmerische Dilemmata aufzulösen. Viele aktuelle Probleme entscheiden sich nicht entlang der Achse von richtig oder falsch, ethisch oder unethisch. Unternehmen versuchen diesen Dilemmata mit Reglementen beizukommen. «Doch die besten Reglemente nützen nichts, wenn die Leute im Unternehmen die falschen sind. Es reicht nicht, sich an die Regeln zu halten, es braucht auch so etwas wie einen anständigen Charakter», meint Huppenbauer. Viele Probleme seien zudem Einzelfallentscheidungen, deren Lösungen sich nirgendwo ablesen liessen.

Ein Beispiel: Um Arbeitsplätze in der Schweiz zu sichern, muss sich ein Unternehmen entscheiden, ob es Geschäfte mit Regierungsbehörden eines Landes tätigen will, das für seine Menschenrechtsverletzungen bekannt ist. Wie sieht eine ethische Entscheidung hier aus? «Ein klassisches Dilemma», meint Markus Huppenbauer. «Weil man mit dem Bauchgefühl oft nicht weiter kommt, müssen  Methoden ethischer Entscheidungsfindung eingesetzt werden. Führungsverantwortliche müssen darin genauso wie in anderen Gebieten Kompetenzen haben.» Methoden ethischer Entscheidungsfindung sind Tools, mit denen ethische Probleme einer nachvollziehbaren Entscheidung zugeführt werden.

Andererseits sind Regeln nötig, um Fehlverhalten definieren und bestrafen zu können. «Sanktionen sind für die faulen Äpfel. Alle anderen brauchen in erster Linie ein gutes Klima, mit einer guten Gesprächs-, Feedback- und Fehlerkultur. Ist dies nicht vorhanden, hat Ethik keine Chance.»

Was der Einzelne tun kann

Verantwortungsvolles Handeln fängt nicht erst da an, wo es ums grosse Ganze geht – und auch nicht nur in der Chefetage. Ihre ethischen Assessments führt Eva Häuselmann zwar vor allem bei der Auswahl von Fach- oder Führungskräften durch, die nun einmal den grössten Wirkungsradius haben: «Aber letztlich kann und sollte jeder auf seiner Stufe auch seinen Einfluss geltend machen und einen Beitrag leisten», findet sie. Das fange damit an, sich die Frage zu stellen, ob das, was man tue, lebensdienlich sei. «Eine Assistentin kann sich fragen, wie sie dazu beitragen kann, dass es dem Chef, der Chefin oder den Kollegen gut geht. Schirmt sie beispielsweise ihren Chef konsequent ab und übernimmt mutig Verantwortung, um Störungen zu minimieren, so schützt sie ihn damit. Sie trägt dazu bei, dass er nicht ‹verheizt› wird – sie tut etwas Lebensdienliches und leistet so einen moralischen Beitrag.»

Zudem habe jeder Einzelne im Unternehmen in puncto Sensibilisierung für das Thema eine Aufgabe. Jeder wisse auch, wie Führungsverhalten aussehe, das ethischen Standards gerecht werde. «Eine Assistentin merkt beispielsweise sehr schnell, ob ein Chef einzelne Mitarbeiter schneidet, sich parteiisch verhält oder nicht allen die gleiche Chance gibt. Sie sieht eins zu eins, wie fair er oder sie sich verhält», beschreibt Huppenbauer. Solches Verhalten anzusprechen, wäre ethisch. «Das braucht natürlich einen gewissen Mut und stürzt sicher manche in ein Dilemma», meint er. «Kultur jedoch, in der auch Heikles transparent und offen angesprochen werden kann, ist Voraussetzung dafür, dass ethisches Verhalten überhaupt im Grossen entstehen kann.» Für Huppenbauer ist es einfach: «Wer keine Rückfragen zulässt, ist ein schlechter Chef.» Eva Häuselmann spitzt das noch weiter zu: «Wer tatsächlich in einer Drecksfirma arbeitet, in der man nichts ausrichten kann, sollte den Job wechseln. Jeder muss für sich selbst Verantwortung übernehmen.»

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Chefredaktorin HR Today

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