Schlagfertigkeit

Zurückschlagen war gestern

Kategorien: Psychologie, Kommunikation | Text: Ruth Preywisch | 06.09.2017
«Schätzchen, machst du uns mal einen Kaffee?» Den wenigsten gelingt es, derart dumme Sprüche bissig zu kontern. Das ist aber gar nicht schlimm, denn wer sie einfach souverän an sich abprallen lässt, gewinnt doppelt. 
 
Der Arbeitskollege mosert rum, weil der Chef keine Zeit hat. Die Abteilungsleiterin äussert Kritik unangemessen persönlich. Und man selbst? Kriegt keinen Ton raus und ärgert sich noch tagelang, keine passende Antwort gefunden zu haben. Wer wünscht sich da nicht, einmal so richtig gepfeffert zurückzuschiessen? 
 
Schlagfertigkeit gilt als die beste Reaktion. Zu Unrecht. Denn das fassungslose Schweigen nach einer rüpelhaften Verbalattacke ist ganz natürlich. «Wenn uns jemand angreift, ist das ein Schock und es ist normal, dass man dann nicht reagieren kann», sagt Kommunikationsexpertin Barbara Berckhan. 
 
Gar nicht reagieren empfiehlt sie zwar nicht, aber von bissigen Kontern rät sie ab. «Wenn Gülle auf Gülle trifft, kommt es zur Explosion», sagt sie. Denn wer pöbelt oder anderen sprachlich rüpelhaft begegnet, begibt sich auf ein sehr niedriges Niveau, egal ob er angefangen hat oder nur reagiert. Und das ist das letzte, was im Berufsleben von uns erwartet wird und im besten Fall auch das letzte, was wir von uns selbst erwarten. Ausserdem raubt es eine Menge Energie, wenn wir uns mit den Scharmützeln anderer auseinandersetzen, statt sie abprallen zu lassen. 
 
Aber macht man sich nicht klein, wenn man auf solche Angriffe nicht oder nur wenig reagiert? «Im Gegenteil», sagt die Expertin. Sie rät zu Gelassenheit und zur kleinstmöglichen Reaktion. «Wer den anderen abprallen lässt und cool bleibt, der kommt rüber wie ein Fels in der Brandung». Mit kleinen Methoden kann man zeigen, dass man das Verhalten nicht toleriert, und gleichzeitig, dass man davon nicht getroffen wird. Ausserdem behält man die Oberhand, wenn man nicht ins Spiel einsteigt und kann den weiteren Verlauf der Situation steuern anstatt sich steuern zu lassen. Zusätzlich wird der Angreifer auch noch weit effektiver ins Leere geschickt, als mit jedem bissigen Konter. Denn er verliert doppelt: er bekommt keine Reaktion aufs Pöbeln und auch nicht, was er sachlich oder fachlich will.
 
 

Immer schön ruhig bleiben: So geht's

Methoden der eleganten Reaktion gibt es viele. Hier ein paar Tipps, die man gut zuhause üben kann:

Durchatmen: 
Gönnen Sie sich das Schock-Erlebnis und atmen Sie einfach als erstes tief durch! 
 
The Queen is not amused
Sagen Sie nichts und ändern Sie nur Ihre Körperhaltung: Rücken lang und gerade, Schultern runter und nach hinten, Kinn etwas anheben, Blickkontakt suchen. 
Das können Sie super vor dem Spiegel üben und es hilft nicht nur in dieser Situation. 
 
Das überraschende Kompliment
Loben Sie den anderen für seine Frechheit:
 «Du bist eine Niete!»  – «Das hast du schön gesagt.»
 
Kontra geben in zwei Silben
Reagieren Sie nichtssagend und trotzdem mit Humor: 
«Bist du hier der Türsteher oder was» – «Oh ja!»
Wahlweise reicht auch eine Silbe: «Ach», «Puh» oder «Ups» geht immer. 
 
Die schnelle Abgrenzung
Abgrenzung in einem Satz hilft vor allem dann, wenn es unangemessen persönlich wird: 
«Wie siehst du denn aus?» – «Gut, dass das meine Sache ist.»
 
Allen Methoden ist eins gemeinsam: Lassen Sie sich danach auf kene Diskussionen ein. Nachdem Sie so wenig wie möglich gesagt haben, sollten Sie die Situation am besten ganz schnell abhaken. Das üble an verbalen Schlagabtauschen ist nämlich ihr Nachhall. Selbst wenn wir sie gewinnen, kann das Spuren hinterlassen und zum Teil des Selbstbildes werden. «Ich kann einstecken und austeilen» ist auf Dauer anstrengend. «Ich habe das gar nicht nötig» ist viel entspannter.
 
 
 
Buchtipp
Barbara Berckhan
«Ach was?»
Kösel-Verlag München
 

Text: Ruth Preywisch

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