Sprache

Von Anglizismen und Helvetismen

Kategorie: Kommunikation | Text: Gerold Brütsch-Prévôt | 05.04.2017

Feedback oder Rückmeldung? Fahrrad oder Velo? Sprache lebt und in ihr leben Anglizismen und Helvetismen. Sie richtig einzusetzen, erfordert etwas Fingerspitzengefühl.

Viele reagieren regelrecht allergisch auf Anglizismen, reden von der Überfremdung der deutschen Sprache, die man doch als Kulturgut bewahren und gegen fremde Einflüsse schützen müsse. Als Anglizismus wird eine Redewendung oder eine Wortbildung bezeichnet, die aus dem Englischen in die deutsche Sprache übernommen wurde. Wie beispielsweise der Laptop, der Container, das Team und die Jeans. Oder cool, clever, easy und happy. Nun kann man sich darüber ärgern – so wie man sich auch über jedes Fremdwort ärgern kann – oder man sieht die Anglizismen als Bereicherung unserer Sprache an. Beispielsweise, um etwas gezielter auf den Punkt zu bringen. Oder als Stilmittel, um einem Text eine gewisse Eigenart zu verleihen.
 
Nicht alle Anglizismen sind allerdings auf den ersten Blick als solche erkennbar. Beispielsweise «jemanden feuern» bekam erst durch das englische «to fire» auch im Deutschen die Bedeutung, jemanden zu entlassen. Und dann gibt es viele Anglizismen, die wir uns im wahrsten Sinne des Wortes selber eingebrockt haben. Das Handy existiert im Englischen genauso wenig wie der Service-Point oder der Showmaster. Man redet hier von sogenannten Scheinentlehnungen.
 

Deutsche Regeln gelten

Bei den Rechtschreibegeln herrscht grosse Unsicherheit und nicht alles ist restlos geklärt bzw. reglementiert. Ausserdem sind sich die englischsprachen Länder nicht immer einig; auch hier bestehen Unterschiede. Für den deutschen Sprachraum gilt grundsätzlich, dass die Anglizismen nach den Regeln der deutschen Sprache verwendet werden. Wenn also ein Scanner geliefert wird, wird er grossgeschrieben. Und der Grafiker ist für das Design verantwortlich. 
 
Bei den Wortzusammensetzungen gibt es keine zwingende Regel. Man kann solche Verbindungen entweder ganz zusammenschreiben oder mit einem Bindestrich trennen (in diesem Fall werden beide Nomen grossgeschrieben): Das Shoppingcenter oder das Shopping-Center, der Swimming-Pool oder der Swimmingpool. Ausnahmen sind Verbindungen, die im Englischen immer zusammengeschrieben werden, wie beispielsweise das Showbusiness oder das Brainstorming. Zwingend mit einem Bindestrich getrennt werden müssen Verbindungen mit Einzelbuchstaben oder Kurzformen wie E-Mail, E-Commerce oder Hi-Fi-Anlage. Kommen ein Adjektiv und ein Nomen zusammen, wird die Getrenntschreibung (ohne Bindestrich und beides gross) bevorzugt: Blue Chips, Big Band, Open End. Zweiteilige Verbindungen von englischen und deutschen Wörtern werden immer zusammengeschrieben (Computerfachmann).
 

«Viele Anglizismen haben wir uns im wahrsten Sinne des Wortes selber eingebrockt.»

 
Weniger einfach ist der Umgang mit den Verben. Was im Gespräch noch einigermassen gut klingt, sieht in einem Brief oder einem E-Mail oft etwas merkwürdig aus. Die Frage ist, ob ein englisches Verb deutsch konjugiert werden sollte. Hält man sich daran, dass die Regeln der deutschen Sprache gelten, dann ja: gecancelt, gesurft, getimt etc. Schreiben wir empfängerorientiert, müssen wir uns allerdings fragen, wie das auf der Gegenseite ankommt – und ob es zu uns und unserem Unternehmen passt.
 

Helvetismen forever! 

Unsere Sprache ist einzigartig. Das Französisch der Westschweiz verleiht ihr den Flair (Rendez-vous, Tête-à-tête, Apéro) und das Italienische die Lebensfreude des Südens (piccobello, avanti, Casanova). Aber auch das Deutsch der Schweizer und Schweizerinnen (und damit ist nicht die Mundart gemeint) unterscheidet sich von demjenigen der Deutschen und Österreicher. Wir parkieren (statt parken) und grillieren (statt grillen). Wir finden, dass etwas gut tönt (nicht klingt). Wir trinken Hahnenwasser (statt Leitungswasser) und nach Feierabend ein Cüpli.
 
Angenommen, der Empfänger, die Empfängerin des Briefes ist eine deutsche Firma. Die Frage ist nun: Ist das «deutsche Deutsch» oder das «Schweizer Deutsch» die richtige Sprache dafür? Die Antwort: Es gelten immer die Regeln des Absenderlandes. Aber mit dem gesunden Menschenverstand eingesetzt. Es bringt nichts, einem säumigen Zahler in Deutschland die Betreibung anzudrohen. Ganz einfach, weil er es nicht versteht. In Deutschland heisst das Zwangsvollstreckung. 
 

Floskelalarm

«Ich wäre Ihnen sehr ­verbunden, wenn …»

Man kann sich ehelich verbinden, einem Freund verbunden sein, mit einem Wort, Bild etwas verbinden oder irgendetwas ist mit Ärger verbunden.
Und, tatsächlich: Vor langer, langer Zeit, als die Zeitungen noch Fraktur-Schriften verwendeten und schwarz-weiss gedruckt wurden, meinte man mit «jemandem verbunden sein» auch, dass man ihm auch zu Dankbarkeit verpflichtet ist.
Im E-Mail-Zeitalter hat man für solches Geschnulze aber weder Zeit noch Verständnis. Deshalb ganz einfach: «Ich bin Ihnen dankbar, wenn Sie …»

«Wir erlauben uns, Ihnen …»
Wer sich etwas ungefragt erlaubt, überschreitet Grenzen oder drängt dem Empfänger etwas gegen dessen Willen auf. Die Floskel ergibt inhaltlich keinen Sinn. Entweder fragt man um Erlaubnis, oder man tut es einfach – aber «sich etwas erlauben» ist völlig unsinnig. Voll daneben ist deshalb auch der vielgeschriebene Satz «Wir erlauben uns, Ihnen unser Honorar in Rechnung zu stellen.» Der Job ist doch erledigt, warum «erlaubt» man sich dann, die Rechnung dafür zuzustellen? Deshalb: einfach weglassen.

«Über 3000 Aktionäre fanden den Weg ins Hallenstadion»
Wer findet, muss ja vorher suchen. Unvorstellbar, dieses Chaos rund um das Hallenstadion. Verkehrszusammenbruch, erschöpfte und verwirrte Aktionäre und Aktionärinnen (es waren genau 3443), ein Grossaufgebot der Polizei, flüchtende Verkehrskadetten, Smogalarm, Zugsausfälle am Bahnhof Zürich-Oerlikon. Unglaublich, was so eine Phrase alles anrichten kann. Deshalb besser, schlicht und einfach: «Über 3000 Aktionäre und Aktionärinnen nahmen an der Generalversammlung im Hallenstadion teil.»

 

Text: Gerold Brütsch-Prévôt

Gerold Brütsch-Prévôt, eidg. dipl. Kommunikationsleiter, ist Partner der Text- und Werbeagentur Wortstark 
in Zürich und unterrichtet an verschiedenen Schulen. An der KVZ Business School lehrt er das Fach «Kommunikation 
in der Muttersprache» im Lehrgang «Direktionsassistent/-in mit eidg. 
Fachausweis».

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