Gesund am Arbeitsplatz

Sport, Salat und Stehpulte

Sport auf der Baustelle, Kochbuch mit gesunden Rezepten oder Fitness über Mittag: Firmen machen vieles für die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden. Aus einem einfachen Grund: Es lohnt sich – für beide Seiten.

Der Nacken spannt, der Rücken schmerzt, das Knie zwickt: Schweizer Arbeitnehmende sind alles andere als vital. Die Zahl der krankheitsbedingten Absenzen von Berufstätigen ist von 2012 bis 2017 um rund 20 Prozent gestiegen. Dies zeigt eine Analyse der Krankenversicherung Swica. Besonders stark haben Ausfälle wegen psychischer Erkrankungen zugenommen. Im Schnitt ist jeder Arbeitnehmende acht bis neun Tage pro Jahr nicht arbeitsfähig. Die Kosten für die Volkswirtschaft belaufen sich in Milliardenhöhe.

Das sind Zahlen, die aufhorchen lassen. «Ein Unternehmen mit kranken Mitarbeitenden hat langfristig weniger Erfolg als eines, das sich um die Mitarbeitenden kümmert. Das liegt auf der Hand», sagt Philippe ­Häberli, Leiter Kommunikation von Gesundheitsförderung Schweiz. In den letzten ­Jahren haben Firmen deshalb vermehrt ­sys­tematisch in ein Betriebliches Ge­sund­heits­management (BGM) investiert. Das Label Friendly Workspace, das einzige anerkannte Qualitätssiegel für ein erfolgreiches BGM, wurde 2009 lanciert. Mittlerweile haben sich über 78 Unternehmen zertifizieren lassen. Eine Investition, die sich für die Unternehmen lohnt: Mit dem Label ausgezeichnete Betriebe verzeichneten im Schnitt 2,6 Tage weniger Absenzen im Jahr und reduzierten den Produktivitätsverlust um 8000 Franken pro Mitarbeiter.

Dabei ist das Engagement der Firmen weniger von den finanziellen Mitteln als vom Willen abhängig, etwas an der Unternehmenskultur und der Struktur zu ändern. Der Weg dorthin ist so vielfältig wie unterschiedlich.

Innovativer Individualist

Als die Mitarbeitenden der Schmid Bauunternehmungen in Luzern im März 2018 ihre Lohnabrechnung erhielten, staunten sie nicht schlecht. Mit dem Zettel flatterte auch ein Kochbüchlein ins Haus. Darin enthalten sind einfache und gesunde Menus wie Salate, Suppen oder Aufläufe, bequem zum Vorbereiten und Mitnehmen auf die Baustelle. «Wir haben die Rezepte extra nach Hause geschickt, damit es die Frau auch sieht», sagt Sicherheitsverantwortlicher Walter Koch lachend. Einige der Smoothies und Salate dürften der Belegschaft bekannt vorgekommen sein: Sie wurden ihr bereits in den Time-out-Wochen im Februar serviert. Während diesen zwei Wochen schult Schmid all seine 450 Mitarbeitenden einen halben Tag lang in Sachen Bewegung, Ernährung und Arbeitssicherheit. «Diese Time-out-Wochen sind seit Jahren ein fixer Bestandteil unseres Gesundheitsmanagements», so Koch. Auch sonst läuft bei den «Schmidianern», wie sie sich intern nennen, einiges anders als bei anderen Betrieben. In den frühen Morgenstunden turnen die Bauarbeiter, bevor sie auf das Gerüst klettern. Sieben Übungen – die «Top 7» stärken den Rücken, sorgen für gutes Gleichgewicht und Beweglichkeit. Nicht jeder ist voller Tatendrang mit dabei, doch bei rund 80 Prozent hat sich das Präventivprogramm eingebürgert. «Es brauchte etwas Zeit. Aber mittlerweile ist die Resonanz sehr gut», sagt Koch. Sowohl die Time-out-Woche wie auch die Turnübungen sind Teil des eigens gegründeten Gesundheitslabels der Firma. Dieses wurde vor zwölf Jahren ins Leben gerufen und beinhaltet auch Schonarbeitsplätze für die Reintegration am Arbeitsplatz, Rauchentwöhnungs-Seminare und Gratislieferung von Wasser und Sonnencremes auf Baustellen. «Der Bau ist eine harte Branche. Umso grösser ist die Verantwortung der Firmen», ist Koch überzeugt. Die Mitarbeitenden danken es dem Betrieb: Die Fluktuation ist bei tiefen ein Prozent. Die Krankheitstage halten sich im Rahmen. Das Klima stimmt. «Unter dem Strich zahlen sich die Investitionen auf unterschiedlichen Ebenen mehr als aus!»

Kreativer Kleinbetrieb

Es sieht aus wie eine blau-weisse Medikamentenschachtel. In Grossbuchstaben steht «Rezeptfrei» und «Entspannt» auf dem Deckel. Statt Tabletten stecken blaue Smarties in der Plastikverpackung. Auf der beigelegten humorvollen Packungsbeilage wird beschrieben, was Fröhlich Architektur in Sachen Gesundheitsmanagement für die Mitarbeitenden macht. Verteilt werden die Schachteln nach langen Sitzungen an Kunden, an die Mitarbeitenden oder an der diesjährigen BGM-Tagung. «Wir suchten nach einer kreativen Lösung, die in den Köpfen bleibt. Ein Flyer landet ja meist schnell im Abfall», erzählt Nadine Martig. Sie ist Assistentin der Geschäftsführung und seit Mai 2017 nach einer Weiterbildung in Resilienztraining und Coaching im Betrieb für das Gesundheitsmanagement zuständig. Dass es den Architekten damit ernst ist, liest sich nicht nur auf der Packungsbeilage. Das Architekturbüro ist mit dem Label Friendly Work Space ausgezeichnet – als kleinster Betrieb in der Schweiz erhielt er 2017 das begehrte Zertifikat.

«An zwei Halbtagen werden weder Mails noch Anrufe durchgestellt. Ein Segen!»

«Als kleines Unternehmen profitiert man von kurzen und schnellen Entscheidungswegen», erzählt Martig. So wurde zum Beispiel die Idee «Powertime» innerhalb einer Woche an die Mitarbeitenden kommuniziert und umgesetzt. An zwei Halbtagen herrscht seither im Büro Funkstille. Weder Mails noch Telefonanrufe werden durchgestellt. «Dadurch werden die Konzentration und Kreativität stark gefördert», erzählt Martig. Anfänglich stiess die vom Chef Mathias Fröhlich eingeführte Massnahme zwar auf Widerstand. Mitarbeitende fühlten sich bevormundet. Ausserdem musste Fröhlich die eingeschränkte Erreichbarkeit auch gegenüber den Kunden vertreten. Nach zwei Jahren ist die ungestörte Zeit nicht mehr wegzudenken. «Dieser auferlegte Erreichbarkeitsschutz ist ein Segen!» Neben Powertime haben sich die regelmäs­sigen Besuche eines Physiotherapeuten, der die Ergonomie an den Arbeitsplätzen prüft und individuelle Tipps gibt, etabliert. Neu ist ein Fitnessprogramm am Mittag geplant. Die Pilates-Kurse hat die Firma hingegen wieder aus dem Programm genommen. Die Nachfrage war zu klein – einer der Knackpunkte bei KMU. «Für gewisse Angebote braucht es eine gewisse Nachfrage», sagt Martig. Nicht zuletzt deshalb hat die Fröhlich Architektur BGM+ ins Leben gerufen. Dazu hat sie lokale Firmen und Geschäftspartner für eine Zusammenarbeit in Sachen Gesundheitsmanagement angefragt. Martig: «So könnten wir Synergien nutzen und die Kosten teilen!»

Überzeugter Pionier

Vier Mal im Jahr treffen sich neun Mitarbeitende zum Gesundheitszirkel im Sitzungszimmer des Pfannenherstellers Kuhn Rikon im Zürcherischen Tösstal. Die Geschäftsleitung ist vertreten, ebenso die Produktion, das Marketing, die Logistik und die Adminis­tration. Dann wird diskutiert: Was lief gut? Was weniger? Wo stehen Verbesserungen an? Und es werden konkrete Entscheidungen gefällt. Wie bei der vergangenen Sitzung. Der Zirkel kippte die schweizweite Veloaktion «Bike to Work», welche Mitarbeitende motiviert, im Mai und/oder Juni so oft wie möglich mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren, aus dem Programm. Der Grund: «Der kurze Zeitrahmen und das Volumen stresste unsere Mitarbeitenden zusehends», erklärt BGM-Verantwortlicher Daniel Obrist. Stattdessen hat sich die Firma ein eigenes Projekt überlegt. Nun werden die Mitarbeitenden animiert, von April bis Oktober wenn immer möglich einmal in der Woche mit dem Fahrrad zu kommen. «Auch das ist Gesundheitsförderung: Die Bedürfnisse und das Befinden der Basis zu spüren und darauf zu reagieren», sagt Obrist.

«Was wir in die Wertschätzung der Mitarbeitenden stecken, bekommen wir zurück.»

Der 60-Jährige ist seit 2004 Finanzchef bei Kuhn Rikon. Allein seine Position zeigt, wo die Gesundheit im Unternehmen angesiedelt ist: in der obersten Etage. Bereits 2006 hat das Traditionsunternehmen ein strukturiertes Betriebliches Gesundheitsmanagement aufgebaut. Damit gehört das traditionsträchtige KMU zu den Pionieren in Sachen BGM. «Viele Massnahmen sind bereits so fest im Unternehmen verankert, dass sie gar nicht mehr als Gesundheitsmassnahme wahrgenommen werden», so Obrist. Dazu gehören regelmässige Massagen am Arbeitsplatz, gemeinsame Sportanlässe, die aktive Begleitung von Langzeitabwesenden oder die Möglichkeit von Homeoffice. Der finanzielle Faktor spielt eine untergeordnete Rolle. Vielmehr geht es Kuhn Rikon um Softfaktoren. «Was wir in die Wertschätzung der Mitarbeitenden stecken, bekommen wir zurück – sei dies mit Loyalität, tiefer Fluktuation oder freiwilligen Sondereinsätzen, wenn Not am Mann/an der Frau ist.»

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Sarah Forrer ist freie Journalistin.

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