Jobwechsel

Should I stay or should I go?

Das ganze Leben lang die gleiche Arbeitsstelle hat heute fast niemand mehr. Regelmässige Wechsel sind nicht nur normal, sondern werden sogar erwartet. Und nicht nur das: Sie fördern die Karriere – und den Spass an der Arbeit. Woran man erkennt, dass es Zeit ist, zu gehen – auch wenn man ungekündigt ist. 

Es ist eine Situation, in der viele schon einmal waren: Der Job, den man seit einigen Jahren hat, läuft an sich ganz gut, der Chef ist zufrieden, auch das Verhältnis zu den Kollegen ist bestens – aber trotzdem ist man irgendwie nicht glücklich. Sei es, weil Perspektiven für Entwicklung oder Aufstieg fehlen, oder aber, weil sich so viel verändert hat, dass man sich nicht mehr einbringen kann. «Auch wenn einem wohl ist an seiner Arbeitsstelle, sollte man regelmässig überprüfen, wo man hin will», erklärt Dr. Ulrike Stedtnitz, Career Coach aus Zürich. «Ein diffuses Gefühl der Unzufriedenheit» sei ein erster Grund, sich nach etwas anderem umzusehen. Das ist schon allein wichtig für den Lebenslauf. «Früher war es okay, zehn Jahre an der gleichen Stelle zu arbeiten. Heute sieht das im Resümee nicht mehr gut aus», weiss die Karriere-Expertin und betont: «Spätestens alle fünf Jahre ist ein Wechsel angesagt.» Zu viele, zu schnelle Wechsel seien natürlich auch nicht gut: Wer alle sechs bis zwölf Monate etwas Neues braucht, «sollte sich vielleicht überlegen, ob er sich nicht einfach zu schnell langweilt». Einen Job mindestens zwei Jahre zu machen, meint Ulrike Stedtnitz, sei schon angebracht. «Wenn es aber wirklich ganz furchtbar ist, kann man auch schon nach drei Monaten gehen.»

Dein Körper sagt’s dir

Die meisten denken aber erst von sich aus daran, einen neuen Job zu suchen, wenn es an der alten Stelle kriselt. Mit anderen Worten: Das Unwohlsein ist nicht diffus, sondern sehr konkret. Das kann ein neuer Vorgesetzter sein, mit dem man nicht klarkommt, bis hin zu Vorgängen im Unternehmen, die man nicht gutheisst. «Ich hatte schon Klienten in der Laufbahnberatung, die sagten: ‹Ich habe einen gute Stelle, verdiene gut, aber ich kann mich nicht mit den Werten des Unternehmens identifizieren, zum Beispiel weil mit Kunden rücksichtslos umgegangen wird, weil es nur um Profitmaximierung geht›», berichtet Ulrike Stedtnitz. Eindeutige Warnsignale dafür, dass man sich nach einer anderen Stelle umsehen sollte, sind auch gesundheitliche Beschwerden, etwa Schlafstörungen, chronische Verspannungen oder gar Depressionen. «Den Körper kann man nicht belügen», betont Ulrike Stedt­nitz. Wenn man sich also jeden Morgen regelrecht aus dem Bett quälen muss, um an die Arbeit zu gehen, oder man sich nach den Ferien nicht erholt fühlt, dann sollte einem das zu denken geben.

«Wenn es wirklich ganz furchtbar ist, kann man auch schon nach drei Monaten gehen.»

 

Mit digitalem Wissen im Vorteil

Gleichzeitig warnt die Karriere-Expertin aber auch vor Kurzschlussreaktionen. Etwa, wenn man sich einen Fehler geleistet hat und dafür schlechtes Feedback bekommen hat, die Grundpfeiler ansonsten aber stimmen. «Auch allein die Aussicht, dass man anderswo mehr Geld bekommen könnte, heisst nicht automatisch, dass man dort auch zufriedener wäre», weiss Ulrike Stedtnitz. Beispielsweise auch ein neuer Chef, mit dem es nicht so gut läuft wie mit dem alten, muss kein K.-O.-Kriterium sein: «Das sollte man erst einmal eine Zeit lang beobachten.» Schliesslich sei es heute auch gängig, Probleme im Team anzusprechen – auch mit dem Vorgesetzten. Ebenso kann es sein, dass man im selben Unternehmen auch neue Aufgaben übernehmen kann. Dafür sei es wichtig, selbst für die eigene Weiterbildung zu sorgen – und nicht darauf zu warten, dass es vom Vorgesetzten verlangt wird. Denn Eigeninitiative zeigt, dass es einem ernst ist. Das klappt am besten, wenn man im Gespräch mit dem Vorgesetzten klar macht: «Ich möchte das Unternehmen noch besser unterstützen.» Und dann erklärt, welche Weiterbildung man sich vorstellt. Einen besonders grossen Bedarf sieht Ulrike Stedtnitz zum Beispiel für Mitarbeiter, die mit digitalen Medien arbeiten können – also etwa nicht nur die Buchhaltung erledigen, sondern auch die Homepage mit Informationen bestücken oder die Kommunikation in Social-Media-Kanälen übernehmen können. Natürlich kann es aber auch passieren, dass der Chef antwortet: «Ich sehe, dass Sie unterfordert sind. Aber für mehr haben wir momentan keinen Bedarf.» Und das wiederum ist ein eindeutiges Signal dafür, zu gehen.

Wann wechseln?

  • Sackgasse  Der Job bietet keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr – spätestens alle fünf Jahre muss es weitergehen
     
  • Miese Tricks  Das Unternehmen handelt nicht nach den eigenen Werten, beispielsweise Vetternwirtschaft, schlechter Umgang, nur Profit im Fokus
     
  • Ausreisser  Die Job-Anforderungen haben sich zu stark vom eigenen Profil entfernt 
     
  • Dicke Luft  Das Verhältnis zum Chef oder zu -den Arbeitskollegen ist schlecht – trotz Vermittlungsversuchen; das Unternehmen kommuniziert nicht mehr offen mit dem Arbeitnehmer, will ihn/sie möglicherweise «rausekeln»
     
  • Schmerzliche Erkenntnis  Schlafstörungen, Verspannungen, Rückenschmerzen, aber auch chronische Erschöpfung, Depression 

Wechseln mit über 50? Schwierig

Ist die Entscheidung für einen neuen Job gefallen, empfiehlt Ulrike Stedtnitz unkonventionelle Methoden der Suche – man hat ja schliesslich keinen Druck, schnell etwas Neues finden zu müssen. «Wenn man sich klar gemacht hat, was man tun will, ist es eine gute Methode, mit anderen aus dem Gebiet in Kontakt zu treten und von ihnen Informationen einzuholen.» Am besten im persönlichen Umfeld, aber auch Plattformen wie Linkedin und Xing können hilfreich sein. Hat man ein Unternehmen ausgemacht, für das man gerne arbeiten würde, rät Ulrike Stedtnitz zu einer Blindbewerbung. Das zeigt nicht nur Initiative, sondern hat auch noch den Vorteil, «dass man nicht mit vielen anderen Bewerbern direkt konkurrieren muss, die sich bei einer Stellenausschreibung melden würden». Allerdings, das will die Expertin nicht verhehlen, wird ein Jobwechsel mit zunehmendem Alter auch schwieriger – selbst wenn man noch grosse Lust auf neue Tätigkeiten hat. «Ab 50 Jahren werden die Chancen auf eine neue Stelle brutal schlecht, auch wenn man eine sehr gute Assistentin ist. Und zwar unabhängig von der Grösse der Unternehmen.» Wenn man sich in diesem Alter trotzdem noch einmal verändern will, rät Ulrike Stedtnitz, über eine Selbständigkeit nachzudenken, also «etwas starten, was man schon immer einmal machen wollte». Diese Möglichkeit eigne sich besonders für Assistentinnen, die im Executive-Bereich gearbeitet haben, «denn sie können ja gut führen und delegieren. Und wenn man selbst der Chef ist, kann einem auch keiner mehr kündigen».

Im Guten gehen – wie klappt’s?

Doch auch, wenn man sein Unternehmen verlassen möchte, wollen die wenigsten dabei verbrannte Erde hinterlassen. «Wichtig ist, dass man bis zuletzt Engagement zeigt», meint Ulrike Stedtnitz. Dazu gehöre auch, so früh wie möglich Bescheid zu geben, wenn man eine neue Stelle gefunden habe, damit der alte Arbeitgeber Zeit habe, die Stelle neu zu besetzen. «Und man sollte seinen Ausstieg gut begründen: dass man sich weiterentwickeln will, dass es nichts Persönliches ist.» Auch beim neuen Arbeitgeber kommt es gut an, wenn man sich über den alten positiv äussert – oder sich zumindest nicht ausgiebig über ihn beschwert. 

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