Recruiting

«Mein Job ist Expectation Management»

Anita Reichmuth-Lienhard vermittelt mit ihrer Firma Human Professional seit zehn Jahren Assistentinnen in neue Jobs. Auf den Teppichetagen des Landes hat sie dabei so einiges erlebt und sie spricht mit Miss Moneypenny über die Ansprüche der Chefs und verwöhnte Bewerberinnen.

Frau Reichmuth-Lienhard, gibt es unvermittelbare Chefs? 

Anita Reichmuth-Lienhard: (Lacht.) Oh ja. Das merkt man allerdings oft nicht sofort. Aber wenn wir bereits mehrmals Assistentinnen an ein und denselben Chef vermittelt haben und diese dann berichten, dass er ein Choleriker ist, bei dem einem auch mal ein Bostitch um die Ohren fliegt, sagen wir irgendwann Nein. 
 

Sie vermitteln seit zehn Jahren Assistentinnen und Assistenten und bewegen sich regelmässig in den Teppichetagen des Landes. Was hat sich verändert? 

Der Rekrutierungsprozess ist durch den technischen Fortschritt viel schneller geworden, die Kandidatinnen müssen also flexibler sein. Zudem sind heute mehr Stellensuchende auf dem Markt. Durch die grössere Auswahl legen Unternehmen deutlich mehr Wert auf die Persönlichkeit. 
 

Welche Anforderungen werden da gestellt?

Flexibilität und Erreichbarkeit sind zwei wichtige Schlagworte. Wo hat man vor zehn Jahren einen Chef gesehen, der seiner Assistentin am Abend um zehn noch ein Mail geschrieben hat? Heute ist die Erwartung anders. Auch die Internationalität hat zugenommen. Es gibt Schweizer Konzerne, in denen nur noch auf Englisch kommuniziert wird. Aber auch die anderen fordern meist perfekte Englischkenntnisse, selbst wenn das im Alltag fast nie gebraucht wird. Aber es könnte ja mal sein, dass man es bräuchte. 

 

Sie reden vor allem von Frauen. Haben Sie auch schon Männer als Assistenten vermittelt? 

In zehn Jahren haben wir vielleicht 40 Herren vermittelt. Die meisten Kunden wollen Frauen im Vorzimmer. 
 

Warum ist das so? 

In den Chefetagen dominieren noch immer Männer. Und die wollen schöne junge Damen für sich arbeiten lassen. Manche sagen das direkt, andere zeigen es durch ihr Verhalten. Wir erleben auch Chefs, die das Vorstellungsgespräch bei einem gemeinsamen Znacht führen wollen. 
 

Wie gehen Sie damit um?

Ich weise darauf hin, dass das möglicherweise nicht das richtige Umfeld für ein Vorstellungsgespräch ist. Ganz schlimm wird es, wenn die Herren für das Vorstellungsgespräch dann auch noch den Ehering ausziehen. 
 

Wie gehen die Kandidatinnen damit um?

Manche springen ab, andere finden so etwas cool. Ich warne die Kandidatinnen allerdings vor solchen Chefs. Sie müssen wissen, worauf sie sich einlassen, damit sie nicht gleich schon in der Probezeit das Handtuch werfen. 
 

Apropos Handtuch werfen. Um die Loyalität von Arbeitnehmern soll es ja immer schlechter bestellt sein. Werden Sie stutzig, wenn eine Kandidatin sehr häufig die Stelle gewechselt hat? 

Nicht unbedingt. Natürlich ist man früher länger beim gleichen Arbeitgeber geblieben. Aber die Zeiten sind heute anders. Einerseits ist es einfacher, eine neue Stelle zu finden, andererseits sind auch Unternehmen schneller dazu bereit, jemanden auszutauschen. Durch die Internationalisierung erleben wir ausserdem das Problem, dass sich gewisse Vorgesetzte nicht einmal mehr den Namen ihrer Assistentin merken können oder wollen. Die sitzen vielleicht in London oder Amerika und sehen ihren Support ein- bis zweimal im Jahr. Dass eine Assistentin für so jemanden nicht durchs Feuer geht, verstehe ich. 
 

Sie reden von gestiegenem Konkurrenzdruck. Was heisst das konkret? 

Sagen wir es so: eine 55-Jährige, die nur in der Stadt Zürich und nur im Dienstleistungsumfeld und sicher nicht als zweite Assistentin arbeiten möchte, hat es schwer, etwas zu finden. 
 

Erleben Sie dieses Anspruchsdenken denn? 

Ich stelle oft fest, dass die Kandidatinnen in ihrem aktuellen Job sehr verwöhnt sind und dann bei einem Jobwechsel darüber staunen, welche Bedingungen auf dem Markt herrschen. Das fängt schon beim Lohn an. Die Zeiten, in denen man 150 000 Franken verdienen konnte, sind vorbei. Der Durchschnitt verdient 90 000 bis 100 000. Ein anderer Punkt ist der Dienstleistungsgedanke, zum Beispiel wenn es darum geht, wer das Sitzungszimmer aufräumt. Es gibt Assistentinnen, die es aus Grossunternehmen gewohnt sind, dass der Restaurationsdienst das erledigt, und die sich dann zu schade sind, diese Aufgabe zu übernehmen, wenn es keinen solchen Dienst gibt. Je höher das Anspruchsdenken, desto schwerer sind die Kandidatinnen vermittelbar. 
 

Gibt es auch Profile, die sich den Job noch aussuchen können? 

Nur das absolute Top-Segment unter den Assistentinnen. Zum Bespiel eine Kandidatin, die fliessend Englisch und Mandarin spricht, werden wir immer vermitteln können. Aber auch wer drei Sprachen fliessend spricht, den Direktionsassistenz-Fachausweis hat und drei bis fünf Jahre den gleichen Job hatte, wird keine Mühe haben. Davon gibt es eine Handvoll. Eine Assistentin, die nur Deutsch spricht und das KV gemacht hat, kann sich nichts aussuchen. Schon gar nicht mit einem Motivationsschreiben, das voller Fehler ist. Auch das erstaunt mich immer wieder, wie wenig Mühe sich manche mit ihrer Bewerbung geben. 

 

Welche Chance haben denn Quereinsteiger? 

Diese Frage stellen uns Sachbearbeiterinnen oft. Eine Assistentin ist eine zudienende Person, eine Sachbearbeiterin eine, die Sachen abarbeitet. Es steckt eine andere Denkweise dahinter, die den Quereinstieg schwierig macht. Es gibt zudem im Gegensatz zu früher ausreichend gute Assistentinnen auf dem Markt. 
 

Haben Sie einen Tipp für unsere Leserinnen, die gerade auf Stellensuche sind? 

Es gibt viele gute Jobs. Wichtig ist es, möglichst offen zu bleiben. Wer zu genaue Vorstellungen hat, steht sich damit eher selbst im Weg. Wer zum Beispiel keine Lust hat, in der Pharma- oder Rüstungsbranche zu arbeiten, bringt sich möglicherweise um die Chance, für einen tollen Chef zu arbeiten. 
 

Wie schlagen Sie die Brücke zwischen den Wünschen und Vorstellungen der beiden Seiten? 

Unser Job ist am Ende viel Expectation Management – und zwar auf beiden Seiten. Bei den Kandidatinnen leisten wir auch viel Erziehungsarbeit, weil es oft vorkommt, dass wir ihnen sagen müssen, wie sie sich zu kleiden haben oder dass sie Tattoos bedecken und Piercings rausnehmen sollen. Den Unternehmen müssen wir erklären, dass sie auch mal eine ältere oder eine dunkelhaarige Bewerberin in Betracht ziehen sollten. 
 

Zur Person

Anita Reichmuth-Lienhard ist Gründerin der Human Professional Personalberatung AG, die in ­diesem Jahr ihr zehnjähriges Bestehen feiert. Reichmuth-Lienhard und ihr Team unterstützen Kunden bei der Besetzung von kaufmännischen Dauerstellen bzw. Kandidaten auf dem Weg zu einer ­neuen Herausforderung.

 
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Chefredaktorin HR Today

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