Ist die Handschrift wirklich nicht mehr aktuell?

Im digitalen Zeitalter haben viele ihre Handschrift vernachlässigt. Das hat zur Folge, dass die Schriftqualität markant abnimmt. Dabei könnten handschriftliche Notizen den Denkprozess signifikant unterstützen, wie Wissenschaftler festgestellt haben.

Wer die Zusammenhänge näher untersucht, findet einleuchtende Gründe, die den Wert unserer Handschrift unterstreichen. Wenn früher in den Schulen die Handschrift noch mit grosser Aufmerksamkeit gepflegt und bewertet wurde, ist dies heute kein Thema mehr: Die Schriftqualität wird kaum mehr beachtet.  Tastaturen, Touchscreens und Computermäuse verdrängen Füllfeder, Bleistift und Kugelschreiber aus unserem Leben. Und so kommt uns die Handschrift abhanden. Manager und Führungspersonen in den Grossbetrieben kennen die zügige Handschrift nicht mehr und schreiben ihre Notizen mühsam in Blockschrift, weil die Langschrift beziehungsweise Schnüerlischrift in den Schulen nicht mehr gelehrt wird. Kaum jemand bemüht sich heute, seine persönlichen Briefe von Hand zu schreiben, was die Qualität eines Schriftstücks beträchtlich verbessern würde.

Schriftlichkeit ist mehr denn je «in» 

Doch ist ein Schreiben am Computer wirklich ein besseres Schreiben? Sollten wir  den schriftstellerischen Erfolg nicht vor allem an der Qualität, statt an der Quantität messen? Längst schon ist um die Frage Computerschrift versus Handschrift eine ernsthafte Debatte entbrannt. Die vorherrschenden Meinungen spalten nicht nur Autoren, sondern auch Wissenschaftler, Neurologen und Motorikforscher in verschiedene Lager. Der Konsens sieht in der Tippgesellschaft der Gegenwart nicht nur eine Bedrohung der Kultur, sondern auch des Geistes. Denn Studien konnten die positiven Effekte der Handschrift eindrücklich belegen. – Von Hand schreiben – so etwas tut sich kaum mehr jemand an. Dafür fehlt die Zeit. Längere Texte entstehen heute auf dem Computer, was uns auch hilft, Fehler zu korrigieren, Sätze umzustellen, zu verschieben oder zu löschen. Fehler sind kein Ärgernis mehr, sondern Teil des Schreibens. Wir können uns kaum vorstellen, wie beispielsweise Thomas Mann seine Werke von Hand schreiben konnte. Viele der Tausenden von Seiten sahen aus wie gedruckt, mit wenigen Korrekturen. Mann musste den Gedanken im Kopf formuliert haben, ehe er ihn niederschrieb. Heute entwickeln viele ihre Gedanken erst beim Schreiben.

Wir schreiben so viel wie nie

Die kostbare Füllfeder, die man zu Weihnachten geschenkt bekommen hat, dient gerade noch dazu, die Unterschrift unter Verträge zu setzen oder Notizen in Sitzungen festzuhalten. Die längsten Texte, die man sich heute handschriftlich zumutet, sind Gratulations- oder Kondolenzschreiben, denn diese Texte wirken persönlich. Sonst werden nur einzelne Wörter auf Fresszettel oder Makulatur gekritzelt. Das Schreiben von Hand wird ersetzt durch Tastaturen, Touchpads, Computermäuse. Eine Umfrage bei 2 000 Schweizern zeigte, dass einer von drei Befragten in den vergangenen sechs Monaten nichts von Hand geschrieben hatte. Schreiben ist eine Kulturtechnik, die uns immer weniger Nutzen bringt. Doch die Kurzschrift wäre in unserem hektischen Alltag dem Computer weit überlegen, denn dafür brauchte man nur einen Notizblock, Stift und klaren Kopf. Bemerkenswert ist, dass der Verlust der Handschrift ausgerechnet in eine Zeit fällt, in der so viel geschrieben und gelesen wird wie nie zuvor. Wir sind permanent am E-Mailen, Posten, Whatsappen, Twittern, Bloggen und Tippen. Dabei war Schriftlichkeit noch nie so wichtig. Jugendliche schreiben einander wie wild über SMS, WhatsApp und auf Chat-Plattformen. Sind diese digitalen Schreibtechnologien etwa schuld daran, dass die Handschrift an Bedeutung verloren hat und gar verkümmert?

Wesentliche Gründe zur Erhaltung der Handschrift

Kein Zweifel: Das Schreiben mit der Hand schult die Sprach- und Rechtschreibkompetenz, denn beim manuellen Schreiben werden spezifische Hirnareale aktiviert, die für Lern- und Erinnerungsprozesse verantwortlich sind. So geht aus Studien hervor, dass Jugendliche, die von Beginn an mit der Hand schreiben, eine markant bessere Lernkompetenz erreichen als Kinder, für die das Schreiben auf der Tastatur zur Gewohnheit geworden ist. Dieser Effekt wirkt sich nicht zuletzt auf die Orthografiekompetenz der Schreibenden aus.  

Die Handschrift fördert die Kreativität. Schon die Variabilität in der Ausführung der Buchstaben kann kreative Gedanken in Gang setzen. Beim Schreiben mit der Hand nehmen wir unbewusst verschiedene Ausprägungen auf, die ein Buchstabe annehmen kann. So bleibt ein A zwar ein A, doch seine Form wird sich – egal wie oft geschrieben – immer wieder anders abbilden. Diese Vielfalt an Mustern kann im Gegensatz zur Gleichtönigkeit digitalisierter Texte die Kreativität positiv beeinflussen.  

Schreiben verbessert das Erinnerungsvermögen. Viele von uns erinnern sich mit Sicherheit noch an die eine oder andere Schularbeit zurück, die im Wettlauf gegen die Zeit geschrieben wurde. Doch anders als dem Notenschlüssel ist der Zeitfresser „Handschrift“ dem Gehirn zuträglich. Mehr Zeit zum Schreiben bedeutet auch mehr Zeit zum Denken, Reflektieren und Strukturieren. Und das wiederum wirkt sich positiv auf unser Erinnerungsvermögen aus: Texte, die in Handschrift zu Papier gebracht werden, behalten wir eher im Gedächtnis als Texte, die auf der Tastatur schnell getippt werden.

Schreiben optimiert die Konzentrationsfähigkeit. Das Prinzip Achtsamkeit funktioniert auch beim Schreiben mit der Hand. Gehirnforscher haben festgestellt, dass die Meditation sich positiv auf Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit und Konzentration auswirkt. Die Disziplin der Schreibmeditation beweist, dass Tiefenentspannung auch durch das simple Abschreiben von Texten entstehen kann. Der neue Trend des Handletterings erfreut sich nicht nur aufgrund seiner ästhetischen Wirkung grosser Beliebtheit.

Verschiedene Techniken der Schreibmeditation finden sich im Internet. Förderlich für das Lernen ist auch die Sensorik beim Schreiben von Hand. „Beim Tippen hat man ausser der Tastatur keine Sensorik, hier fehlt eine unmittelbare sensorische Rückmeldung über das, was man tut“, mein ein Wissenschaftler. Oft tippt man etwas ab, ohne zu wissen, was man da schreibt. Das kann einem beim Schreiben von Hand kaum passieren. Der Druck, der Schwung, die Impulse – alles spiegelt sich in der Schrift wider. «Je mehr unser Körper Teil der Erfahrungen ist, desto mehr unterstützt er die Erinnerung», erklärt ein Neuropsychologe. Nicht umsonst heisst verstehen auch begreifen oder erfassen. Ein Hochschullehrer, der handgeschriebene Texte von Studenten korrigieren muss, beobachtet eine sprichwörtliche Verkümmerung der Schriften. Dazu meint er, dass er manche Texte kaum lesen könne. «Das verkümmerte Schriftbild ist ein Spiegel für das Verkümmern der Sprache», sagt er mit Recht. Standards in Grammatik, Orthographie und Stil gelten nicht mehr. Diese Erscheinungen sind Zeichen unserer Zeit, in der Oberflächlichkeiten grassieren.

Schreiben schult die Feinmotorik. Eine Umfrage des Schreibmotorik-Instituts hat ergeben, dass immer mehr Schulkinder mit Problemen wie Verkrampfung der Finger, schlechter Schrifthaltung und unleserlicher Schrift zu kämpfen haben. Das Schreiben mit der Hand kann die Feinmotorik der Finger wesentlich verbessern und sollte trotz Smartphones und Tablets nicht vernachlässigt werden. In der Summe scheinen also deutlich mehr Argumente für die Handschrift als gegen sie zu sprechen. Vor allem ihr kultureller Wert darf – der Effizienzgedanke eines neuen Zeitalters hin oder her – nicht unterschätzt werden. Denn wie schrieb Johann Wolfgang Goethe mit der Hand schon so schön? «Die übersandten Blätter sind mir von unendlichem Werth, denn da mir die sinnliche Anschauung durchaus unentbehrlich ist, so werden mir vorzügliche Menschen durch ihre Handschrift auf eine magische Weise vergegenwärtigt.» Und womit schreiben Sie denn am liebsten? Mit Bleistift, Kugelschreiber oder mit der Füllfeder? Viele Menschen tippen ihre Texte heute jedoch am liebsten auf der Computertastatur. Dabei wäre die Stenografie in unserem Büroalltag eine rationelle Schnellschrift für persönliche Notizen und signifikant schneller als die Tastatur. Besonders beim überraschenden Ausfall der elektrischen Energie!       

 

Dieser Text erschien zuerst in der Zeitschrift Relations des Schweizerischen Verbands für interne Kommunikation (SVIK)

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Ernst A. Meyner ist Kommunikationsexperte in Winterthur. 

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