Knigge bei Geschäftsessen

In Japan sagt man «Kanpai»


Geschäftsessen gehören in vielen Berufen und Branchen zum Arbeitsalltag. Doch es ist gar nicht so einfach, immer den richtigen Ton zu treffen und sich angemessen zu verhalten. Vor allem bei Geschäftsessen im Ausland oder mit Gästen aus anderen Kulturen lauern viele verborgene Fallstricke. 

Der bewährte Grundsatz «Andere Länder, andere Sitten» hat auch heute noch Bestand. Und so können genauso Tischregeln von Land zu Land stark variieren. Wer sich vorab keine Gedanken über Kultur oder Traditionen macht, kann also beim Geschäftsessen schnell ins Fettnäpfchen treten. So manches, das hierzulande als selbstverständlich gilt, trifft andernorts eventuell auf Unverständnis oder stösst Geschäftspartner sogar vor den Kopf. 

Trink Brüderlein, trink …


Während es in einigen Ländern durchaus üblich ist, bei einem Geschäftsessen Alkohol zu trinken, ist Alkoholkonsum in arabischen Ländern sogar teilweise verboten. Hier gilt, «wenn Ihr Gastgeber keinen Alkohol bestellt, sollten Sie lieber auch nicht danach fragen», so die Stilexpertin Elisabeth Bonneau. Für strenggläubige Muslime ist Alkohol tabu. Das bedeutet nicht, dass alle anderen Gäste auf ein Glas Wein zum Essen verzichten müssen. Eine nette Geste ist es jedoch, als Alternative zum Wein eine leichte Traubensaftschorle anzubieten, die in ein Weinglas gefüllt wird, damit alle Gäste das Weinglas zum Zuprosten erheben können.

Aber auch in den USA ist öffentlicher Alkoholkonsum nicht gern gesehen. Bei amerikanischen Geschäftspartnern sollte man zum Lunch daher komplett auf Alkohol verzichten. Zum Abendessen ist das eine oder andere Glas Wein jedoch durchaus gestattet. Ganz anders hingegen die Gepflogenheiten in Russland. Hier gehört Wodka auch bei Geschäftsessen einfach zum guten Ton. Den ersten Trinkspruch übernimmt immer der Gastgeber, und später muss der Gast noch mindestens einmal sein Glas auf den Gastgeber erheben. «Sollten Sie partout keinen Wodka mögen, argumentieren Sie am besten mit der vorherigen Einnahme von Medikamenten», rät Gerhard Hain, Kulturexperte und Geschäftsführer der Agentur «ti communication». Er weiss auch, dass von der angeblichen Zurückhaltung der Chinesen bei Geschäftsessen eher wenig zu spüren ist. «Im Gegensatz zu dem verbreiteten Gerücht fehlt nämlich nur bei etwa 50 Prozent der Chinesen ein wichtiges Enzym zum Abbau von Alkohol. Selbst der Genuss harter Alkoholika ist während eines Geschäftsessens durchaus üblich.» Und auch die sonst so regelkonformen Japaner trinken während des Geschäftsessens Alkohol. Hier gilt: Man schenkt sich nie selbst ein, sondern füllt stets das Glas des Sitznachbarn, welcher diese Geste dann erwidert. 

Wichtig jedoch: Trinken Sie niemals mehr, als Sie vertragen, gerade bei Sake, der traditionell nur in kleinen Portionen genossen wird, verliert man schnell den Überblick über die konsumierte Menge. Und gerade in Asien wird oft nachgeschenkt, obwohl das Glas noch nicht ganz leer ist. Daher ist egal, mit welchem Kulturkreis Sie dinieren, achten Sie stets auf einen massvollen Genuss von Alkohol. 

Mit Stäbchen zum Erfolg


Martin Hambach, Lehrer für interkulturelles Training, weiss, dass selbst in Asien die Etikette beim Geschäftsessen unterschiedlicher kaum sein kann. «Wer in China seinen Teller ganz leerputzt, gilt als Rüpel. Anders in Japan: Wer auch nur einen Bissen übrig lässt, wird als Verschwender abgestempelt.» Viele asiatische Speisen werden traditionell mit Stäbchen gegessen. Es wird sehr geschätzt, wenn Sie mit den Essstäbchen umzugehen wissen. Es ist aber auch kein Problem, wenn Sie lieber nach Besteck fragen. Oder wie es ein chinesischer Kunde einmal ausdrückte: «Lieber ordentlich mit Messer und Gabel essen, statt mit Stäbchen zu kleckern.» 

Sowohl Japaner als auch Chinesen werden alle angebotenen Speisen probieren und sich positiv darüber äussern – dies entspricht dem guten Ton und dieser wird andererseits auch von Ihnen erwartet. «Wer jedoch ungefragt als Erster zu essen beginnt, wird es später schwer haben, einen Deal abzuschliessen, denn in den meisten asiatischen Ländern geht es bei dieser fatalen Geste um Respekt. Nur der Ehrengast oder die älteste Person am Tisch darf mit dem Mahl beginnen», so Hambach weiter. Schmatzen, Schlürfen und lautes Sprechen gelten in China hingegen nicht als unanständig. Laute Essgeräusche sind nicht nur akzeptiert, sondern sogar erwünscht, denn sie bedeuten, dass das Essen schmeckt. Eine schlechte Manier hingegen ist, sich in der Öffentlichkeit oder sogar bei Tisch die Nase zu putzen. 

«Ein tiefer Sinn wohnt in den alten Bräuchen.» (Friedrich Schiller)

Essen abzulehnen, gilt in vielen Ländern als sehr unhöflich. Daher essen Sie besser nur sehr wenig oder gar nichts davon und nippen nur am Getränk, wenn es ihnen nicht schmeckt. Ein aufmerksamer Gastgeber wird dies sofort verstehen. In China zum Beispiel stehen bis zu zwölf verschiedene Gerichte auf dem Tisch, von denen sich jeder bedienen kann. Von allem zu probieren, ist dabei eine Geste der Höflichkeit. Die Ablehnung einer Speise könnte sogar als Kritik gegenüber dem Gastgeber verstanden werden. Reden Sie sich notfalls mit einer Unverträglichkeit heraus. Allgemein gilt, berufen Sie sich stets lieber diplomatisch auf Ihre Gesundheit und vermeiden Sie jegliche ideologische Diskussion.  


Händeschütteln oder Verbeugung?


Doch bereits das Begrüssungsritual birgt die ersten Fettnäpfchen: «In Deutschland und der Schweiz gibt man sich zur Begrüssung die Hand, in Japan verbeugt man sich respektvoll voreinander, und in Italien umarmen sich die Menschen gerne – vor allem, wenn sie sich bereits etwas besser kennen», so Elisabeth Bonneau. Schweizer neigen in der Regel schneller dazu, jemandem das «Du» anzubieten als deutsche Geschäftspartner. Bleiben Sie also erstmal beim «Sie». 

Schulterklopfen, Begrüssungskuss, gar Händeschütteln sind in Japan und China unüblich. Korrekt ist eine leichte Verbeugung. «Je tiefer die Verbeugung, desto mehr Ehre bezeugt man. Als Fremder sollte man es jedoch nicht übertreiben. Es reicht, eine angedeutete Verbeugung bzw. nur ein Nicken mit dem Kopf», weiss Martin Hambach. Klopfen Sie Ihrem Gesprächspartner nach einem erfolgreichen Meeting auch nicht vor lauter Freude auf die Schulter, denn in China gilt es als unschicklich, von Menschen berührt zu werden, zu denen die Beziehung ausschliesslich geschäftlich ist. Ganz anders im Iran, hier gilt das Händeschütteln als wichtiges Zeremoniell, es kommt sehr häufig vor, dass man sich zusätzlich noch umarmt und sich gegenseitig auf beide Wangen küsst. Diese Art der Begrüssung gilt sowohl für Frauen als auch für Männer und sogar im Geschäftsleben. 

Der kleine, feine Unterschied macht die Musik …

Doch wer passt sich eigentlich wem an: der Gast dem Gastland oder der Gastgeber dem Gast? «Gäste passen sich den in dem Gastland üblichen Sitten an. Sie werden als Besucher in Saudi-Arabien keinen Wein zum Essen verlangen. Die Anpassung verläuft immer im Rahmen der religiösen und kulturellen Gegebenheiten. Man kann erwarten, dass in Europa ein Inder oder Pakistaner mit Besteck und nicht mit den Fingern isst. Sie können aber nicht erwarten, dass ein streng gläubiger Moslem oder Jude hier Schweinefleisch isst», klärt Bonneau auf. Vorsicht übrigens bei Gelatine! Sie kommt auch vom Schwein und wird häufig zur Zubereitung von Desserts eingesetzt. Weiter ermahnt sie: «Kulturelle, religiöse Grundsätze sind jedoch nicht das Einzige, worauf zu achten ist. Gerade das Zeitgefühl kann zu Disharmonien führen. Nicht für jeden ist 20 Uhr auch 20.00 Uhr. Während Deutsche, Amerikaner und Schweizer auf Pünktlichkeit grossen Wert legen, sollte man sich bei brasilianischen Geschäftspartnern über eine Verspätung von bis zu zwei Stunden nicht wundern. Auch Franzosen und Spanier erscheinen gerne mal um eine halbe bis eine Stunde später als verabredet.» Und auch obwohl Unpünktlichkeit in Indien als unhöflich gilt, nehmen es die meisten Inder nicht so genau mit der Zeit.

Small Talk


«Die Regel, dass man vor dem Dessert nicht über Geschäftliches sprechen sollte, hat nach wie vor Bestand. Beim Essen sollte es in erster Linie um diese Aspekte gehen», meinen die beiden Autoren Harald und Burkhard Schäfer in ihrem Business-Knigge. An erster Stelle sollten, egal welche Nationalitäten sich treffen, das persönliche Kennenlernen, die Beziehung und der informelle Austausch stehen. Nach dem Dessert, wenn alle gesättigt, zufrieden und einander wohlgesinnt sind, ist jedoch ein thematischer Schlenker zum Geschäftlichen durchaus erlaubt. Üben Sie sich also in Geduld und warten Sie, bis der Geschäftspartner den Anfang macht. Wer zu sehr auf das Geschäftliche drängelt, hat bereits verloren und wird zu keinem gewinnbringenden Ergebnis kommen. Häufig steht bei Geschäftsessen einfach der Small Talk im Vordergrund. «Themen wie Politik, Religion, Patriotismus und Sexualität sind jedoch Tabuthemen», mahnt Elisabeth Bonneau.

Ja, interkulturelle Kompetenz ist in einer sich globalisierenden Arbeitswelt wichtiger denn je und sie ist kein Hexenwerk. Harald und Burkhard Schäfer fassen es so zusammen: «Wer zu Hause über gute Umgangsformen verfügt, wird auch im Ausland nicht anecken. Grundzüge der landestypischen Gebräuche sollte man aber kennen und achten. Ignoranz gegenüber den kulturellen Eigenheiten ist ebenso fehl am Platz wie übereifriges Anpassen.» Wer sich mit den Gepflogenheiten eines Landes nicht so gut auskennt, sollte einfach seine Umgebung aufmerksam beobachten. 

Mit etwas Empathie und Toleranz bringt man es meist schon sehr weit. Niemand wird erwarten, dass Sie die Sprache Ihrer Gäste oder des Gastlandes fliessend sprechen, wer jedoch ein paar Sätze sprechen kann oder zumindest zuprosten kann, erfreut mit der höflichen Geste und zeigt Interesse über das Geschäftliche hinaus. Und mit einem freundlichen «Kanpai» hinterlässt man auch bei traditionellen Japanern einen guten Eindruck.

Wild-West-Manieren in Amerika

Die meisten Amerikaner essen traditionell nur mit einer Hand. Zu Beginn wird alles in mundgerechte Stücke geschnitten und dann mit der Gabel gegessen. Die andere Hand liegt im Schoss. Dieser «American Style» geht auf eine Zeit zurück, wo immer die Gefahr bestand, in eine Schiesserei zu geraten.

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