Porträt

Immer am Ball

Als Direktionsassistentin des Schweizerischen Fussballverbandes ist Claudia Hediger im Büro manchmal Stürmerin, manchmal Verteidigerin, manchmal Schiedsrichterin, manchmal Goalie und immer wieder Trainerin und Spielerin. Nur auf dem Rasen, mit einem richtigen Ball, ist die sportliche 33-Jährige überfordert.

 

Claudia Hediger führt eine sehr genaue Gästeliste. Und sie bestimmt auch, wer wo sitzt am grossen Fest. Selbst, wenn der Besucher ein Bundesrat ist. Spielt die Fussball-Nationalmannschaft in der Schweiz, ist die VIP-Tribüne Hedigers Hoheitsgebiet. Sie pfeift, wer das Spiel neben wem schaut, was es zu Essen gibt und wie die Tischsets aussehen.

Die Rolle als Game Manager der Tribüne – oder die VIP Hospitality – war nicht schon immer ihre. Seit 2010 ist Claudia Hediger Assistentin des Präsidenten und des Generalsekretärs des Schweizerischen Fussballverbandes, der Dachorganisation der Schweizer Fussballvereine. «Meine Chefs arbeiten aber sehr selbständig und so hatte ich vor sechs Jahren die Möglichkeit und die Kapazität, diesen Bereich zu übernehmen», sagt die 33-Jährige. Keine kleine Aufgabe: Sie umfasst die gesamte Organisation des VIP-Bereichs beim Männer- und beim Frauen-A-Nationalteam, beim U21-Team sowie beim Schweizer Cupfinal. Das sind rund 16 Events im Jahr.

«Es gibt einige Fettnäpfchen, an denen es vorbeizudribbeln gilt.»

«Die Spiele des Herren-Nationalteams sind schon eine grosse Kiste», erzählt Hediger. Rund 1200 Zuschauer sind an solchen Spielen in den VIP-Bereich geladen, circa 900 davon auf der Ehrentribüne. Ein grosser Teil der Tickets wird an Nationalteam-Partner vergeben, aber etwa 400 Sitze sind jeweils für diejenigen Gäste reserviert, die Hediger «die Fussballfamilie» nennt. Dazu gehören der Bundesrat, der Zentralvorstand des Schweizerischen Fussballverbandes, Komitee-Mitglieder, Regionalpräsidenten, Klubpräsidenten, Ehrengäste, UEFA-Chefs und Vertreter der FIFA. Eine illustre Truppe. Hediger organisiert das Catering, ist bei der Hostessen-Planung dabei, sorgt für Give-aways, prüft, ob die Banner stimmen, kümmert sich um das Offical Dinner und steht dann, wenn die Gäste eintreffen, am Welcome Desk. Zurzeit steckt sie in den Vorbereitungen für die UEFA Women’s U19-Europameisterschaft, die im Sommer in der Schweiz stattfinden wird. Das bedeutet: noch zwölf zusätzlich Events.

Ausser Dienst

  • Das würde ich gerne können: Telemarken. Ich brauche Herausforderungen und habe mir für 2018 vorgenommen, es einmal auszuprobieren.
  • Das kann ich gar nicht gut: Fussball spielen. Obwohl ich mir Spiele anschaue, seit ich ein Kind bin, kann ich es nicht.
  • Das wollte ich als Kind ­werden: Ich wollte auf dem Flughafen arbeiten. Die Gepäckbänder und die Flugzeuge haben mich fasziniert.
  • Das bereitet mir Sorgen: Ich stehe mit beiden Beinen im Leben und habe eine positive Einstellung. Ich mache mir nicht viele Sorgen.
  • Diese Person würde ich sehr gerne zum Nachtessen treffen: Aksel Lund Svindal. Er ist ein ­Aus­nahmeathlet, sehr sympathisch und gutaussehend.  

 

«Inzwischen kenne ich unsere Fussballfamilie sehr gut. Das ist wichtig», erklärt sie. Denn es gibt einige Fettnäpfchen, an denen es vorbeizudribbeln gilt. Wenn zum Beispiel neben dem Bundesrat, meist aus dem Sport-Departement, eine allen unbekannte Person sitzt, die dann ständig mit im Kamerabild ist. Oder kleine Empfindlichkeiten, wenn die Plätze nicht sensibel genug verteilt werden. «Das erfordert Fingerspitzengefühl und Flexibilität. Es sind intensive Tage, aber ich mag Action.» Und manchmal gibt es Belohnungen der besonderen Art: «Als mir Roger Federer entgegenkam, war das schon ein Magic Moment», sagt die Assistentin und lacht. 
 

Auch im Büro in Muri, im Haus des Fussballs, fliegen die Emotionen oft hoch. «Das ist die Freude, wenn man für den Sport arbeitet», fasst es Hediger zusammen. Ihr Kerngeschäft, wie sie es nennt, sind die Sitzungen des Zentralvorstandes, des Verbandsrates und die Delegiertenversammlung. «Da wir im Zentralvorstand einige Ex-Profis haben, wird immer wieder leidenschaftlich über Fussball diskutiert.» Daneben beschäftigen den Vorstand Themen wie aktuell die Vergabe der Länderspiele, des Schweizer Cupfinals, die Vertragsverlängerung des Nati-Trainers, immer wieder die Sicherheit in und um die Stadien sowie Budgetfragen. Aber auch die Ausbildungsphilosophie, das Schiedsrichterwesen oder Neues vom Beachsoccer wird diskutiert. «Sport steht hier für alle an absolut erster Stelle, das verbindet», beschreibt Hediger die Atmosphäre im Haus. Sie ist selber sehr sportlich, trainiert fast jeden Tag mit ihrem Freund, dem aktuellen Schwingerkönig Matthias Glarner, im Kraftraum, ist im Turnverein und fährt leidenschaftlich gerne Ski. Fussball aber spielt sie nicht. «Ich habe kein Talent. Das ist etwa so, wie wenn eine Kuh Velo fahren würde.»

Kein Kickertalent

Eigenes Kickertalent war zum Glück keine Bedingung, um die Stelle zu bekommen. «Ich wollte immer gerne für einen Sportverband arbeiten. Das ich hier bin, ist aber Zufall.» Hedigers Vorgängerin hatte den Posten 40 Jahre inne und hat die junge Kollegin sorgfältig eingearbeitet. «Als sie in Pension ging, konnte ich viele Abläufe neu gestalten und optimieren und vor allem in der Digitalisierung einiges vorantreiben.» Anderes hat sie von ihrer Vorgängerin übernommen: Wie sie ist auch Hediger ein bisschen die Assistentin der gesamten Familie: Sie ist Ansprechperson im Verband, gratuliert Ehrenmitgliedern mit einer persönlichen Karte zum Geburtstag (wie auch allen rund 100 Mitarbeitenden), lädt Pensionierte zu den Events ein. «Wir haben einen sehr persönlichen Umgang und pflegen Traditionen. Die Mitglieder spüren, dass sie Part of the Game sind.» 

Assistentin und Offizier

Im Büroalltag betreut Claudia Hediger die Lernenden mit. Mit der Swiss Olympic Talent Card arbeiten sie an einer Profi-Karriere und absolvieren nebenbei eine kaufmännische Lehre, verlängert auf vier Jahre. «Sie sind nur 50 Prozent im Betrieb, den Rest investieren sie in ihren Sport», erklärt Hediger das Modell. «Es erfordert viel Flexibilität von beiden Seiten. Oft sind die Sportler für Spiele oder Trainingslager auch kurzfristig weg. Aber mit einer guten, offenen Kommunikationskultur ist das machbar.»

Hediger hat auch selber auf die harte Tour gelernt, durchzubeissen und nicht gleich die Flinte ins Korn zu werfen: Nach der Lehre und einer ersten Anstellung hat sie das Militär absolviert und den Offiziers-Rang erworben. Danach hat sie junge Rekruten der Panzerschule ausgebildet. «Es war eine sehr spannende und harte Zeit, die mich stark gemacht hat», sagt sie rückblickend. Ihre Erfahrungen helfen ihr, die jungen Sportler zu motivieren. «Der Sport steht für sie an erster Stelle. Und damit sind sie bei uns genau richtig», so Hediger.

Claudia Hediger

lebt mit ihrem Partner, dem aktuellen Schwingerkönig Matthias Glarner, in Heimberg bei Thun. Die 33-Jährige ist seit 2010 Direktionsassistentin beim Schweizerischen Fussballverband. Sie absolvierte das KV in einem Privatspital und arbeitete dort nach ihrem Lehrabschluss zwei Jahre lang in der Patientenadministration und am Empfang der Radiologie. Anschliessend rückte sie in die Armee ein und arbeitete sich bis zum Offizier hoch. Es folgte ein Job im Ver­kaufsinnendienst einer Holzhandelsfirma bevor sie zum Fussballverband kam. Zurzeit macht Hediger berufsbegleitend einen CAS in Event Management an der HTW Chur. 

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