Geständnisse einer Vorzimmerdame

Fünf Sterne und kein bisschen weise

«Kabissalat mit Speckstaub» las ich kürzlich auf einer Speisekarte im Restaurant eines Zürcher Nobelhotels. Wow, dachte ich mir, entweder hat hier jemand richtig viel Fantasie bewiesen oder es waren Drogen im Spiel. Wer weiss, vielleicht ist Speckstaub für Sterneköche das, was für Banker das Kokain ist. Aber Spass beiseite. Sterneköche und Grand Hotels wollen ernst genommen werden. Das fällt einem spätestens dann auf, wenn die ­Augen von den poetisch beschriebenen Speisen zu den üppigen Preisen wandern. Auf diesem Niveau müssen natürlich auch die Texte hochwertig sein. Deshalb vermute ich, dass für das Verfassen der Speisekarten Ghostwriter angeheuert werden, damit aus der Mayonnaise ein Eierschaum und aus dem Fischknusperli ein «Frei geangelter Saint-­Pierre in Bio-Tempura» wird.  
 
Was sich die Sterneköche nicht alles ausdenken: Vom Kopfsalatjus über das Randensorbet bis zum Miso Crumble ist alles dabei. Nicht nur Vegetariern stehen bei diesem Hauptgang, der wahrscheinlich von Stephen King erdacht wurde, die Haare zu Berge: «Rosa gebratene Taube, Dim Sum mit Tauben­innereien und Schwämmchen aus Taubenblut.» Was das Taubenmassaker kostet, war indes nicht in Erfahrung zu bringen. In Sachen Preis ist natürlich zu erwarten, dass die (ab-)gehobene Gastronomie nicht günstig ist. Und trotzdem bleibt einem das Amuse-Bouche im Hals stecken angesichts der Kosten für ein Menü, nachdem man vermutlich seinen Hunger noch im Fast-Food-Restaurant stillen muss. Einen Nüsslisalat mit Ei für 32 Franken, ein Gemüsefond für 46 Franken, eine gebratene französische Entenbrust für 98 Franken. Bon appétit!
 

«Wer weiss, vielleicht ist Speckstaub für Sterneköche das, was für Banker das Kokain ist.»

 
Nun gut, wen das stört, der soll nicht meckern, sondern im Restaurant Ochsen lunchen gehen. Allerdings hört man das ewige Gejammer von der Hotellerie selbst. Zu wenig ­Gäste, schlecht ausgebildetes Personal, kein Schnee und ohne gratis Internet geht heute gar nichts mehr! Deswegen spezialisieren sich die Luxushotels nun auf Konferenzen. Das Angebot ist gleich oder kleiner als bei anderen Konferenzhotels, dafür kostet es mehr und die Abwicklung ist komplizierter als eine Baueingabe für ein Atomkraftwerk. Als ich kürzlich eine Mini-Konferenz in einem solchen Etablissement buchte, mussten wir für jede Änderung, die sich im Laufe der Vor­bereitungen ergab, einen neuen Vertrag unterzeichnen. In der Tagespauschale war ein Kaffee pro Pause und Person inklusive. Zusätzliche Portionen kosteten extra. Sämtliche Konferenztechnik musste separat bezahlt werden. Die Raummiete ebenfalls. Sie wollen ein Konferenztelefon? Das können wir organisieren, aber das ist im Preis natürlich nicht inbegriffen. Was sie nicht konnten, war den Überblick über ihre Extras zu behalten. Da uns die Kosten für das Telefon zu hoch waren, verzichteten wir darauf. Viermal wurde ich angefragt, was jetzt mit dem Telefon sei. Viermal sagte ich es schriftlich ab. Am Tag der Konferenz stand es trotzdem da, dafür fehlten der längst bestellte Beamer und die Leinwand. Tolle Geschichte für eine Schnitzelbank!
 
Ein anderes Mal wollte ich in der Innerschweiz 80 Zimmer für eine grosse Konferenz buchen. Der angebotene Zimmerpreis lag um einiges höher als der im Internet angegebene Standardpreis. Ich fragte irritiert, warum dies so sei, obwohl ich sieben Monate im Voraus buche. Der Revenue Manager habe das so ausgerechnet, damit der Umsatz fürs Hotel stimme, das müsse ich verstehen. Das verstanden wir ganz und gar nicht und verlegten die Konferenz in ein charmantes 3-SternePlus-­Jugendstil-Hotel in Flüeli-Ranft. Dort waren die Preise massvoll, der Service freundlich und das Personal unkompliziert. Ausserdem war der Pausenkaffee nicht rationiert und als ich mir beim Lunchbuffet ein zweites Glas Eistee holte, flüsterte mir niemand ins Ohr: «Aber das müssen wir Ihnen natürlich separat berechnen.» Und was lernen wir nun daraus? Wenn es um Sterne für Konferenzhotels geht, dann sind weniger mehr.  
 
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Tamara Krieger arbeitet seit vielen Jahren als Geschäftsleitungsassistentin in einem grossen multinationalen Dienstleistungsunternehmen.

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