Psychologie

Dummheit als Erfolgsfaktor

Wir verstehen weder, wie ein Smartphone funktioniert noch wissen wir, welche Wege das Wasser nimmt, bis es aus dem Hahn fliesst. Trotzdem erfreuen wir uns am wohl grössten Wohlstand, den es je gab. In den Augen von Emil Kowalski ist das kein Widerspruch, im Gegenteil. Gerade, weil wir unsere eigene Ignoranz akzeptiert haben, waren wir bisher so erfolgreich. Wir wissen nur nicht mehr warum.

Wo man hinschaut: Fortschritt. Die Technik entwickelt sich in rasanter Geschwindigkeit, unsere politischen Systeme sind hochkomplex organisiert, Naturwissenschafter erforschen jeden noch so kleinen Zusammenhang. Alles spricht dafür, dass die Menschheit intelligenter und klüger ist als je zuvor. Und auch wir selbst halten uns von Natur aus für die Krone der Schöpfung und die intelligentesten Wesen, die es je gab. Doch der Schein trügt. Das meint zumindest der Physiker Emil Kowalski, der in seinem Buch «Dummheit. Eine Erfolgsgeschichte» einen ironisch-philosophischen Blick auf die Entwicklung der Menschheit wirft. «Wir überblicken eigentlich gar nichts mehr», sagt er. 

Sind wir also alle dumm? «In gewisser Hinsicht ja», ist die Antwort des Autors, der sich selbst übrigens auch dazu zählt. Mindestens sind wir in seinen Augen ignorant. Wir geniessen unseren täglichen Luxus von fliessendem Wasser, Strom und Heizung über öffentlichen Nahverkehr bis hin zu digitalen Geräten – und verstehen meist in keinster Weise, was dahintersteckt oder wie die Dinge wirklich funktionieren und zusammenhängen.  «Die Mehrheit von uns, zumindest in der westlichen Welt, lebt gut. Wir wissen aber nicht wieso», bringt Kowalski es auf den Punkt. 

«Unsere Bestimmung ist es, User zu sein»

Die Welt um uns herum ist mit all ihren Entwicklungen so kompliziert und spezialisiert geworden, dass niemand mehr alles verstehen kann. «Wir haben uns derart arbeitsteilig organisiert, dass jeder von uns ein Spezialist ist. Aber nur auf seinem Gebiet», sagt Kowalski.  Um in der modernen Welt  bestehen zu können genügt es zudem, die Segnungen der Zivilisation einfach nur bedienen zu können. Um ein Smartphone zu benutzen, muss man nicht wissen, wie Apps entwickelt, Akkus produziert oder die Geräte zusammengebaut werden. Man muss nur wissen, wo man auf dem Bildschirm drücken oder wischen muss, um ein Bild oder eine Nachricht zu versenden. Und das tun wir fleissig. «Unsere Bestimmung ist es, User zu sein», sagt Kowalski. Und die Bedienung unserer Geräte wird immer einfacher, unter dem Schlagwort «User Experience» hat sich ein ganzer Berufsstand entwickelt, der sich mit nichts anderem beschäftigt, als es uns noch leichter zu machen. 

Die Ignoranz oder die Dummheit an sich sind laut Kowalski dabei gar nicht negativ zu sehen. Im Gegenteil, sie hätten die Entwicklung der Menschheit bis zur heutigen Zeit erst möglich gemacht. Viele bahnbrechende Erfindungen entstanden durch unbeabsichtigte Fehler und Versehen. Oder durch Nichtwissen und trotzdem ausprobieren. Und das ist es, was Kowalski als die eigentliche Stärke des Menschen bezeichnet: «Wir ignorieren unser Nichtwissen einfach und kommen deshalb weiter». Oder, noch besser in seinen Augen, wir beziehen die Tatsache unseres Nichtwissens gleich in unsere Entscheidungen und Entwicklungen ein. Als Beispiel nennt er die westliche Demokratie, die, gemessen an Freiheit und Wohlstand, ohne Zweifel ein Erfolgsrezept ist. Ein grosser Teil ihrer Stärke beruhe darauf, dass die Gründerväter der amerikanischen Verfassung mit der Ignoranz und Dummheit nicht nur der Regierten, sondern vor allem der Regierenden rechneten.

Wissen um das Nichtwissen ist abhanden gekommen

Das sei zum Beispiel der Grund für die Erfindung der Gewaltenteilung, die sicherstellt, dass die Handlungen der Regierung korrigiert werden können. Oder der Begrenzung der Regierungszeit, durch die Wähler eine Fehlentscheidung revidieren können. In der amerikanischen Verfassung ging man sogar so weit, ein Impeachment-Verfahren zu verankern, mit dem ein Präsident wegen Unzurechnungsfähigkeit abgesetzt werden kann. Mehr Beweis dafür, dass die Gründungsväter mit der Dummheit rechneten, braucht es nicht. Neben diesem macht Kowalski noch zahlreiche andere Beispiele aus, die ihn zu dem Schluss kommen lassen, dass unsere Welt sich nur deshalb so weit entwickeln konnte, weil wir unsere eigene Dummheit akzeptiert haben.  

Doch auch wenn die Dummheit an sich ein Erfolgsfaktor sei, sei etwas mit ihr passiert, was sie ins negative verkehrt habe, konstatiert Kowalski. Denn das Wissen um das Nichtwissen habe sich immer mehr verflüchtigt. «Wir haben das so verinnerlicht, dass es uns gar nicht mehr auffällt», sagt Kowalski. Für die Lösung der komplexen Probleme der heutigen Zeit muss viel bedacht werden. Doch wir sind dazu übergangen, die Dinge zu vereinfachen und trauen uns eine Lösung trotzdem zu. Jeder von uns meint, mit gesundem Menschenverstand und ein bisschen Stammtischwissen dazu beitragen zu können. «Wir haben vergessen, dass wir dumm sind», sagt Kowalski. Und noch ein zweites Phänomen meint er ausmachen zu können, den Verlust des Vertrauens. Das Wissen um das Nichtwissen hat sich vielleicht verflüchtigt, doch unser Unbehagen darüber nicht.  «Wir fühlen uns damit nicht wohl», sagt Kowalski. Deshalb seien wir misstrauisch geworden. Wieso sollen wir den Experten glauben, wenn wir nicht verstehen, was sie tun? Wenn sie gar ebenso dumm sind wie wir? Das Resultat: Jeder sieht sich selbst als Experten für alles. Jeder hat zu allem eine Meinung. Das Misstrauen steigt und die absurdesten Verschwörungstheorien machen die Runde. 

Fehlerkultur lässt zu wünschen übrig

Das betrifft auch das berufliche Umfeld. So bedürfe es heute extremer Vertrauenswürdigkeit und Transparenz, um etwas Neues durchzusetzen. «Um den Menschen etwas zu verkaufen, was sie nicht verstehen, müssen sie wissen, dass der Verkäufer vertrauenswürdig ist», sagt Kowalski. Anders funktioniere das nicht. Wissentliche Fehlinformationen oder die Verweigerung von Offenheit seien fatale Entwicklungen in einer Gesellschaft, die derart auf Nichtwissen baue und misstrauisch geworden sei, so Kowalski. Die Fokussierung auf den Erfolg stehe uns dabei oft zusätzlich im Weg. Die beste Lösung muss nicht die sein, die am erfolgversprechendsten ist. Es kann auch die sein, die die am wenigsten schlimmen Auswirkungen hat. «Manchmal ist es vielleicht besser, sich auf die Minimierung des Misserfolgs zu konzentrieren, als auf die Maximierung des Erfolgs», sagt Kowalski.

Und auch die Fehlerkultur in Unternehmen lasse mit Hinblick auf das weit verbreitete Nichtwissen zu wünschen übrig. «Niemand gibt mehr zu, dass er etwas nicht weiss», sagt Kowalski. Dabei sei es viel besser, offen dazu zu stehen und Fehler zuzulassen. Natürlich darf man sie nicht bewusst machen, aber wenn sie aus Nichtwissen heraus passieren, gehören sie dazu. «Wer keine Angst haben muss vor der eigenen Dummheit, der kann kreativ werden und dann entwickelt sich etwas neues», sagt er. Das Ziel dürfe nicht sein, keine Fehler zu machen. Stattdessen müsse man Fehler einkalkulieren und akzeptieren. Genau wie die eigene Dummheit und das Nichtwissen. Denn schon Laotse wusste: «Wissen, das man nichts weiss, ist das Allerhöchste». 

Buchtipp

Emil Kowalski
Dummheit. Eine Erfolgsgeschichte
J.B. Metzler Verlag, 2017

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