Porträt

Diese Frau verleiht Flügel

Judith Burths Chef hebt regelmässig ab, während sie am Boden nach dem Rechten schaut. Die gebürtige Holländerin ist Assistentin in der Gleitschirmflugschule AeroCenter in St. Gallen und überzeugt: Das Schönste an ihrem Job sind die emotionalen Höhenflüge ihrer Kunden. 

Ein paar Jungs in einem Hangar. Dieses Bild hatte Judith Burth im Kopf, als sie vor vier Jahren die Stellenanzeige des AeroCenters las. Gesucht wurde eine Assistentin. Burth war kritisch. So richtig vorstellen konnte sie sich den Alltag in einer Gleitschirmflugschule nicht. Trotzdem ging sie beim Unternehmen vorbei. Das sehe ihr ähnlich, sagt die 49-Jährige mit typisch holländischem Akzent und lacht. Dass sie eine unkomplizierte Art hat und die Dinge gerne selbst in die Hand nimmt, fällt leicht zu glauben. Sie fuhr also mit dem Velo nach St. Gallen Ost – und staunte nicht schlecht. Da waren zwei Männer in einer Art Hangar, aber: «Die Strukturen in der Firma sind äusserst professionell.

Zudem ist das AeroCenter nicht nur eine Flugschule, sondern auch ein Shop und eine Werkstatt und bietet Tandemflüge an. Das hat mich an der Stelle gereizt.» Burth bekam den Job, wurde Assistentin des Geschäftsführers und organisiert in dieser Funktion auch die Flugreisen «FlyingTours», welche die Schule anbietet. Erst vor wenigen Wochen war Geschäftsleiter Michael Kobler mit einer Gruppe in Frankreich, wo die Schülerinnen und Schüler von der riesigen Dune du Pilat aus in den Himmel stiegen.

Ausser Dienst

  • Dafür habe ich Mut gebraucht: Um aus meiner Ehe zu stapfen, obwohl sie nicht schlecht war. Ich brauchte einen Neustart.
  • Das bringt mich zum Lachen: Wortspiele und Alltagssituationen. Wir lachen sehr viel im Team. Man gewinnt viel, wenn man dem Alltag mit Humor begegnet. 
  • Das kann ich nicht gut: Ich bin etwas tollpatschig und habe ein schlechtes Gleichgewicht.
  • Das beeindruckt mich: Der Mut der kleinen, zierlichen Frauen, die bei uns Gleitschirm fliegen lernen. Und Menschen, die zufrieden sind mit dem, was sie haben. 
  • Mit dieser Person würde ich gerne einmal essen: Da kommt niemand an gegen meine Kinder.

 

«Dass solche Flüge im Ausland möglich sind, ist ein Vorteil der Schweizer Lizenz. Sie wird überall auf der Welt akzeptiert«, erklärt Burth und ist mittendrin im Thema, spricht vom Schweizerischen Hängegleiter-Verband, dem die Flugschule AeroCenter angehört, und dem Sicherheitslabel. Sie selbst fliegt bis heute nicht. «Das ist gar nicht möglich. Wenn gutes Flugwetter ist, ist hier unglaublich viel los. Dann kann ich doch nicht weg!»

Vom Glück glücklicher Kunden 

Das AeroCenter ist im Dachstock eines Industriegebäudes am Stadtrand zu Hause. Im Shop hängen Ganzkörper-Anzüge, stehen Helme und farbige, grosse Säcke, in denen der Stoff, der den Traum vom Fliegen ermöglicht, eingepackt ist. Nicht viel mehr als grosse Rucksäcke, in denen alles Platz hat, damit man abheben kann. Auf einigen stehen Namen. «Die sind für die Schüler heute Nachmittag», so die Assistentin. Sie arbeitet alles andere als in einem klassischen Büro. Im grössten Raum, der Werkstatt, ist einer der riesigen Schirme aufgespannt und Mike Buchmann, der Leiter der Werkstatt, kontrolliert die dünnen Fäden. Nähmaschinen stehen da, ein riesiger Arbeitstisch und Kisten mit Gleitschirmen. Buchmann fliegt, seit es den Sport gibt. «1987 kam das Gleitschirmfliegen über die Westschweiz in unsere Region. Seither hat sich unglaublich viel getan, vor allem im Bezug auf das Material», erzählt er fasziniert. Auch Burths Chef, Michael Kobler, ist schon sehr viele Jahren dabei und in der Szene bestens bekannt. Unzählige Pokale zeugen von seinem Können.

«Es gibt auf der Welt nur zwei Sorten Menschen: Gleitschirmflieger und Nicht-Gleitschirmflieger», sagt Judith Burth mit einem Augenzwinkern. Die Piloten seien der Natur und dem Wetter stark verbunden, sie seien unkompliziert und nicht etepetete. «Bei uns gehen 16-jährige Flugschüler ein und aus, unser ältester Kunde ist fast 80. Wir haben Studenten, Landwirte, Ärzte, Manager und sogar Piloten der Airline Swiss, die bei uns Gleitschirmfliegen lernen. In der Luft spielen Alter und Beruf keine Rolle.» Die Leidenschaft für das Fliegen, die Freude am Sport spürt Burth jeden Tag im Team und auch bei den Kunden. Das zeichnet ihren Job aus, ist sie sich sicher: «Ich glaube nicht, dass man in einer anderen Branche so glückliche und zufriedene Kunden hat. Die Freude zum Beispiel, wenn ein Kunde einen neuen Schirm abholen kann, ist ansteckend.» 

Das Wetter bestimmt alles

Burth macht die gesamte Schüleradministra-tion, ist für Einkauf, Lagerbuchhaltung und Verkauf zuständig, koordiniert zwischen Fluglehrer, Assistenten und Schülern sowie zwischen Tandempilot und Passagier, stellt Aufträge und Offerten zusammen. «Der Konkurrenzdruck im Shop ist gross, vor allem von Online-Anbietern. Es geht darum, wer was in welchem Zeitrahmen und zu welchem Preis liefern kann. Von uns braucht es viel Aufklärungsarbeit zum Material und zur Qualität, und vor allem müssen wir bei Anfragen extrem schnell reagieren», sagt sie. Um das zu gewährleisten, verschickt sie Offerten und Mitteilungen auch per SMS und Whatsapp. Flexibilität ist auch gefordert, wenn das Wetter gut ist und alle Piloten in Ausbildung Gleitschirme für Übungsflüge möchten. «Wir sind vom Wetter abhängig und können darum fast nie weit vorausplanen.» Burth arbeitet im Sommer 100 Prozent, ist oft bis abends spät in der Firma. Im Winter ist sie nur 50 Prozent angestellt. Neben der Arbeit absolviert sie die Ausbildung zur Direktions-assistentin.

Ein Job, bei dem sie jeden Tag weiss, was auf sie zukommt, kann sich Burth nicht vorstellen. «Ich mag Action und Abwechslung. Zudem lachen wir so oft im Team, dass auch lange Tage schnell vorbeigehen.» Sie schätzt die unkomplizierte Art ihrer Kollegen, ihre Professionalität und dass ein Wort ein Wort ist. «Wir haben keine stundenlangen Sitzungen und als Dreimann-Betrieb keine langen Kommunikationswege. Wenn es ein Problem gibt, schauen wir es sofort an und lösen es. Wir sind Machertypen.» Die genauen Listen, die sie für die Schule oft erstellen muss, zählen darum nicht zu ihren Lieblingsaufgaben. «Es ist eine verantwortungsvolle Tätigkeit, die Konzentration und sehr sorgfältige Arbeit erfordert. Ein Fehler bei einer Gewichtsangabe könnte schwerwiegende Konsequenzen haben.» Aber am Schluss sei es doch die Abwechslung, die den Job als Assistentin interessant mache. Abwechslung bei den Aufgaben, im Tagesablauf und bei der Kundschaft, welche die Liebe zum Sport verbindet. Der allerdings, das betont Judith Burth, zählt nicht zu den Risikosportarten. «Wer sich gewissenhaft vorbereitet und vernünftig unterwegs ist, kann das Fliegen einfach nur geniessen.» 

Judith Burth

Judith Burth wurde in Holland geboren und kam 1987 in die Schweiz, um Deutsch zu lernen. Sie lernte ihren Ex-Mann kennen und blieb bis heute. Zusammen haben sie zwei Kinder: 20-jährige Zwillinge. Nach ihrer Kinder-Auszeit hat sie das Abend-KV nachgeholt und acht Jahre lang bei den Olma-Messen gearbeitet. Seit März 2015 ist sie im AeroCenter tätig. Zudem absolviert sie zurzeit die Ausbildung zur Direktionsassistentin.

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