Männer in der Assistenz

Bin ich hier richtig?

Kategorie: Karriere | Text: Stefanie Zeng | 06.12.2016

Der Assistenzjob zählt zu jenen Berufen, in denen vor allem Frauen arbeiten. Das hat verschiedene Gründe. Eine Studie hat sich mit der Geschlechtersegregation in der Berufswahl befasst und Spannendes herausgefunden. Interview mit Karin Schwiter. 

In Assistenzjobs gibt es einen mehr als eindeutigen Frauenüberschuss. Woran liegt das? 
Das Problem fängt schon bei der Bezeichnung des Berufs an. Es ist relevant, wie man einen Beruf aufstellt und nennt. Mit dem Wort Assis-tenz wird der Fokus weg vom Arbeitsinhalt gelenkt und hin zu der Vorstellung, es sei Arbeit für jemand anderen. Den steten Bezug zur vorgesetzten Person finde ich problematisch, so wird schon die Unterordnung impliziert. Junge Männer finden es dann vielleicht nicht so ansprechend, jemand anders zu assistieren. 
 
Aber macht dieser Aspekt nicht einen grossen Teil des Jobs aus?
Die Frage ist, was man hervorhebt. Die Assistenzfunktion besteht nicht nur aus Zuarbeit, sondern hat auch einen grossen Anteil, in dem man eigenständig arbeitet.  
 
Glauben Sie, durch einen anderen Namen würden vielleicht auch mehr Männer diesen Job als passend für sich empfinden? 
Ich kann mir gut vorstellen, dass der Beruf durch einen anderen Namen für Männer attraktiver würde. Die derzeitige Bezeichnung führt auch dazu, dass der Beruf unterschätzt wird. Worte lösen etwas aus. In vielen Gesundheitsberufen ist auch gerade die Bezeichnung angepasst worden. Dort spricht man jetzt von Fachmann Betreuung oder Fachfrau Gesundheit. Warum also den Assistenzberuf nicht auch als Fachperson Organisation oder Fachperson Administration bezeichnen? 
 
Warum ist es überhaupt ein Problem, wenn es frauen- und männertypische Berufe gibt?
Das Problem ist nicht, dass es Berufe gibt, die von einem Geschlecht öfter ausgeübt werden. Das Problem ist, dass es den Menschen mit geschlechtsuntypischen Talenten schwer gemacht wird, diese zu verwirklichen. Wir leben in einer Gesellschaft, die sagt: «Wir wollen jedes Talent gut einsetzen.» Deshalb müssen wir darauf hinwirken, dass das möglich ist. Im Moment gehen aber geschlechtsuntypische Talente oft verloren, weil sie entmutigt werden, einen Job entsprechend ihrer Neigung zu ergreifen. Das ist ein gesellschaftlicher und auch ein ökonomischer Verlust. 
Das andere Problem, neben dem Zugang zum Job, ist die Wertigkeit. Die Assistenz zum Beispiel gilt tendenziell als Hilfstätigkeit; ihr wird damit weniger Prestige zugeschrieben und am Ende weniger Lohn bezahlt. In Berufen, die als frauentypisch gelten, sind die Bedingungen oft schlechter. Männer antizipieren, dass sie mit ihrem Beruf vielleicht einmal eine Familie ernähren müssen. In der Folge wählen sie eher einen Beruf, in dem sie besser verdienen können.
 
Wer sind die Menschen, die geschlechtsuntypische Berufe wählen? 
Wir haben herausgefunden, dass diese Menschen einen überdurchschnittlichen Hintergrund aufweisen. Sie waren in der Regel besser in der Schule, kommen aus Elternhäusern mit höherer Bildung und verfügen über ein besseres Selbstbewusstsein. Und zwar nicht nur bei Frauen in männertypischen Berufen. Lange hat man unterstellt, dass Männer in sogenannt frauentypischen Berufen landen, weil sie es woanders nicht geschafft haben. Aber das stimmt überhaupt nicht. 
 
Wie erklären Sie sich die Überdurchschnittlichkeit der Menschen in untypischen Berufen? 
Wir denken, dass es den Hintergrund und die hohen persönlichen Ressourcen braucht, um sich auch gegen Widerstände zu etablieren. Viele dieser Menschen müssen zusätzliche Hürden nehmen und sie müssen es sich auch zutrauen, in einem ungewöhnlichen Umfeld zu bestehen. 
 
Männer, die in Frauenberufen arbeiten, wechseln oft erst später in diese Berufe. Woran liegt das? 
In der Schweiz muss man sich sehr früh für einen Beruf entscheiden – in einem Moment, in dem man gerade erst dabei ist, Frau oder Mann zu werden. In diesem Alter haben viele noch kein so starkes Selbstbewusstsein oder gefestigte Persönlichkeit. Bei einem geschlechtsuntypischen Berufswunsch wird dann vom Umfeld schnell die Männlichkeit oder Weiblichkeit in Frage gestellt. Viele wechseln darum erst später in ihre Wunschberufe, weil es dann einfacher ist, sich solchen Stereotypen zu widersetzen.  
 
Es spielt also auch das Umfeld eine Rolle bei der Berufswahl …
Natürlich. Wie unsere Interviews mit jungen Erwachsenen in untypischen Berufen zeigen, war es für sie ganz besonders wichtig, von ihrem Umfeld unterstützt und bestärkt zu werden. Spannend ist übrigens auch, dass Männer im Job oft positives Feedback bekommen und ihnen zusätzliche Fähigkeiten zugeschrieben werden. Sie erleben eher im Privaten Gegenwind. Bei den Frauen ist es umgekehrt. Bei ihnen sagt die Verwandtschaft dann: «Wow, du wirst jetzt Automechanikerin.» Aber im Job haben sie mit mehr Widerständen zu kämpfen, weil ihnen weniger zugetraut wird. 
 
In der Schweiz ist das Segregationsproblem stärker ausgeprägt als in anderen OECD-Ländern. Wieso?
Die Schweiz hinkt in vielen Geschlechterindikatoren noch hinterher. Ein Grund für die Segregation ist zudem die bereits angesprochene frühe Berufswahl. In vielen anderen Ländern bleibt die Ausbildung länger schulisch und die jungen Leute müssen sich erst mit 18 oder 19 für einen Beruf entscheiden. Es heisst zwar immer, unser duales System sei überlegen und in vielen Bereichen stimmt das, aber in Bezug auf die Geschlechtersegregation eben nicht. 
 
Wären denn die Unternehmen überhaupt bereit, junge Menschen in für sie untypischen Berufen einzustellen? 
Jein. Im Gegensatz zum schulischen System, wo es auf die Leistung ankommt, bewerben sich die jungen Leute im dualen System bei einem Lehrbetrieb und müssen dort auch zuerst einmal ausgewählt werden. Diese Auswahl basiert oft auf Geschlechterstereotypen. Wenn sich ein junger Mann als Erzieher in einer Kinderkrippe bewirbt, fürchten manche Krippen die Kritik der Eltern. Es gab einmal eine Studie, in der man Ärztinnen und Ärzte gefragt hat, warum sie in ihrer Praxis keine Männer als Arzthelfer einstellen. Das Ergebnis war, dass diese sich vorstellten, dass sich die Patienten erschreckten und es neben ihrem Behandlungsstuhl nicht genügend Platz für einen Mann gebe. 
 
Die Assistenz gilt heut als typischer Frauenberuf. Gibt es auch Berufe, die über die Zeit zu Männerberufen geworden sind? 
Weniger. Frauen sind erst seit kürzerer Zeit wieder in grosser Zahl auf dem Arbeitsmarkt. Es gibt deshalb mehr Jobs, die sich feminisiert haben.  
 
Die Geschlechtersegregation ist also rückläufig? 
Bisher noch nicht. Sie hat sich in den letzten 30 Jahren noch kaum verändert. Das ist erstaunlich. Bei den meisten Geschlechterindikatoren wie Partizipation im Berufsleben oder Aufteilung von Erwerbs- und Hausarbeit gehen wir langsam aber sicher Richtung Gleichheit. Hier noch nicht. 
 
Gibt es trotzdem ein Licht am Horizont? 
Es gibt zwei grosse geschlechtergemischte Berufsfelder, die stetig am Wachsen sind: der Detailhandel und das KV. Viele junge Erwachsene arbeiten also zuallererst einmal in einem Berufsfeld, das nicht segregiert ist. 
 
Zumindest nicht zu Beginn. Aber viele Assistentinnen haben ja auch mal das KV absolviert … 
Das stimmt. Innerhalb der Berufe gibt es teils wieder Segregation, wenn sich beispielsweise mehr Männer für Controlling entscheiden und mehr Frauen für Marketing.
 
Wie kann man die Probleme lösen? 
Zum einen durch Sensibilisierung. Wir müssen unsere Stereotypen hinterfragen. Warum soll ein Mann keine Kinder betreuen können? Es hat sich aber auch viel getan in den letzten Jahren. Menschen die in untypischen Berufen sind, sagen heute, dass sie sich bereits akzeptierter und weniger exotisch fühlen als früher. Zum anderen muss die Ausgestaltung der Stellen hinterfragt werden. Damit Berufe für Frauen und Männer attraktiv sind, müssen gleichwertige Löhne bezahlt werden. Ausserdem braucht es Unterstützung für spätere Berufswechsel. Nicht jede Person kann es sich leisten, später noch eine zweite Ausbildung zu absolvieren.  
 

Zur Person

Dr. Karin Schwiter war wissenschaftliche Mitarbeiterin im Nationalen Forschungsprogramm 60 zur Gleichstellung der ­Geschlechter. Sie leitet heute am Geografischen Institut der Universität Zürich die Forschungsgruppe «Arbeit und Migration». 

 
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