Porträt

Assistentin mit ­Sendungsbewusstsein

Barbara Santucci ist nicht nur Assistentin des Chefredaktors TV beim Schweizer Radio und Fernsehen, sondern arbeitet auch als Produktionsassistentin für Sondersendungen. Frauen sollten öfters spontan Ja sagen und Gelegenheiten beim Schopf packen, findet sie und lebt das als Präsidentin der Moneypenny Society vor.

Wäre eine einzige Prüfung in Barbara -Santuccis Leben anders verlaufen, gäbe es heute wahrscheinlich mehr Frauen, die gerne den Haushalt machen. Santucci hat in jungen Jahren die Aufnahmeprüfung 
für das Hauswirtschaftslehrer-Seminar absolviert und bestanden. Doch beim Eignungsgespräch, als sie ihren Unterrichtsstil und ihre Vision vorstellte, Haushaltsarbeit könne Spass machen und unterhaltend sein und das gelte es zu vermitteln, wurde sie von der Expertin kritisch beäugt und zurechtgewiesen, dass es sich hier nicht um einen Spassverein handle. «Da war es für mich vorbei», erzählt Santucci. Damals schon zeigte sich, was für die 45-Jährige bezeichnend ist: Spass, Freude und Unterhaltung gehören zum Leben und damit auch zur Arbeit. Und: Man muss sich selber treu bleiben. Barbara Santucci wurde nicht Haushaltslehrerin, sondern ist seit bald zwanzig Jahren Assistentin vom Chefredaktor des Schweizer Fernsehens.  

«Die Medienbranche hat mich immer schon fasziniert», sagt sie rückblickend. Mitte zwanzig und auf Jobsuche hat sie darum eines Tages den Telefonhörer in die Hand genommen und die Personalabteilung des Schweizer Fernsehens angerufen. Die Begeisterung am anderen Ende der Leitung war anfangs mässig, doch Santucci liess sich nicht so leicht unterkriegen. Ein paar Tage später fing sie als Produktionsassistentin für die Sendung Arena an, «ohne eine Ahnung von diesem Job zu haben».

Zur Person

Barbara Santucci ist in Zürich aufgewachsen und lebt heute noch in der Stadt. Sie hat die Diplommittelschule und später die Handelsschule absolviert. Nach einem Jahr Praktikum auf einer Anwaltskanzlei war sie temporär bei der UBS im Rechtsdienst tätig. Danach arbeitete sie vier Jahre lang als Personalvermittlerin, bis sie sich entschied, den Einstieg beim Fernsehen zu versuchen. Dort stieg sie als Produktionsassistentin der Sendung Arena ein und wurde kurz darauf Assistentin des Chefredaktors. Heute ist die 45-Jährige Produktionsassistentin von einzelnen Sendungen, VIP-Betreuerin und die persönliche Assistentin des aktuellen Chefredaktors TV, Tristan Brenn.

 

Ahnung hatte sie jedoch von den Themen in der Diskussionsrunde: Geschichte, Politik, Recht und Wirtschaft interessierten Santucci bereits als junge Frau und sie war schon vor ihrer Bewerbung mehrmals Publikumsgast in der Arena. «Filippo Leutenegger, der die Sendung damals noch moderierte, erinnerte sich beim Einstellungsgespräch daran. Das hat mich beeindruckt», sagt Santucci. Sie kam in sein Team, und als Leutenegger wenig später zum Chefredaktor ernannt wurde, wurde Santucci auch seine persönliche Assistentin. Gleichzeitig hat sie nie aufgehört, als Produktionsassistentin zu arbeiten. «Ich hatte zeitweise sechs Sendungen, darunter Reporter und Aktenzeichen XY. Heute mache ich noch die Sessionssendung Rundschau Talk.»

Sendungen als Adrenalinbooster

Als Produktionsassistentin ist Santucci verantwortlich dafür, dass alles vorhanden ist, «was in den Kasten» muss und eine gute Sendung ausmacht. Sie bietet die nötige Crew auf, ist für die Studio-Disposition zuständig, lädt Gäste ein und sitzt bei Regiebesprechungen mit am Tisch. «Zum Job kann auch gehören, nervöse Gäste vor den Aufnahmen zu briefen», sagt sie. Vor allem den Rundschau Talk macht Santucci sehr gerne. «Es ist extrem spannend, so nah am Puls des Geschehens zu sein, ein Privileg. Und ich mag den Adrenalinschub, den solche Sendungen mit sich bringen.»   
Während Santucci als Produktionsassistentin stark in ein Team eingebunden ist, arbeitet sie als Assistentin des Chefredaktors TV eher selbständig. «Ich brauche gute Sensoren dafür, wer wann wo was braucht, aber ich bin weitgehend mein eigener Herr und Meister.» In ihren Jahren beim SRF gab es vier Chefwechsel. Santucci ist fast immer geblieben. Interimistisch war sie 2009 bis 2011 knapp zwei Jahre die Assistentin des Fernsehdirektors. Für ihren Chef macht sie die Korrespondenz und organisiert seine Termine und Reisen. Für die In- und Auslandkorrespondenten ist sie erste Anlaufstelle bei Fragen betreffend Spesen und Rechnungen und tritt als Organisatorin ihres jährlichen Treffens auf. Ihr Job bringt sie an Grossanlässe wie das WEF oder die eidgenössischen Wahlen. Santucci stand schon wenige Meter von Wladimir Putin und Donald Trump entfernt und ist per Du mit nationalen Polit-Grössen.

Bei Ereignissen wie dem 11. September, dem Swissair-Grounding und dem Flugzeugabsturz von Bassersdorf war sie auf der Redaktion an vorderster Front mit dabei. Sie mag es, gefordert zu sein, schnell reagieren zu müssen, umzudisponieren. «Ich denke nicht in Problemen, sondern in Lösungen», sagt sie. Santucci hat nicht nur einen Job, der ihr Interesse für Politik und Wirtschaft bedient, sondern auch einen, der ihrem Bedürfnis nach Action, Abwechslung und Aussergewöhnlichem entspricht. Angesprochen auf die aktuelle Weltsituation und eine gewisse Politikverdrossenheit winkt sie ab. «Ja, es ist schwierig. Aber aufzugeben ist falsch. Wenn man etwas verändern will, muss man sich einsetzen. Mäkeltum nervt mich.»

Präsidentin der Moneypennys


Mit dieser Haltung hat sie durchaus Sendungsbewusstsein. Barbara Santucci ist Referentin an der International Business School ZfU und Präsidentin der Moneypenny Society, einer Plattform für den Erfahrungs- und Informationsaustausch unter Assistentinnen. Ein «Hobby», für das sie zusammen mit dem Vorstand rund 22 Events im Jahr auf die Beine stellt. Ihre Vision ist klar: «Ich wünsche mir, dass Frauen lernen, Netzwerke aktiv zu entwickeln und zu nutzen.» Frauen müssten viel öfters spontan Ja sagen und mitmachen wollen, wenn sich interessante Gelegenheiten bieten, findet Santucci. «Stattdessen gehen viele innerlich allfällige Probleme durch und denken an alles, was schwierig werden könnte.» Diese Angst, dieses Zögern will sie den Frauen nehmen. Wie, ist ganz einfach: «Sagt einfach Ja! Es gibt immer Helfer, niemand muss alles alleine machen.» Diesbezüglich gebe es viel von den Männern abzuschauen. Die Männer für das «Unglück» der Frauen verantwortlich zu machen, mag Santucci gar nicht. Gleich schlimm findet sie Frauenquoten. «Die sind beleidigend. Jede Frau, die Wille, Biss und Einsatzbereitschaft zeigt, schafft es an die Spitze. Ohne Quote.»

Ausser Dienst

Dafür habe ich Mut gebraucht: Ich bin kein ängstlicher Typ. Das letzte Mal vielleicht, als ich die Chance hatte, in ein nigelnagelneues Passagierflugzeug zu steigen, das zum ersten Mal vom Werk über den Atlantik flog.

Das bereitet mir Sorgen: Nicht viel, was mich selbst betrifft, ich kann mich wehren. Aber ich mache mir Sorgen um die, die keine Stimme haben.

Das würde ich gerne lernen: Ich würde gerne den Pilotenschein machen. Ich finde die Vogelperspektive extrem befreiend.

Mit dieser Person würde ich gerne zu Abend essen: Sean Connery. Er ist mit 88 Jahren immer noch sehr anziehend.

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